Full text: Finanzwissenschaft

10 3. Buch. Die Staatsausgaben. 
ausgaben in der Vorkriegszeit zeigt als wesentlichsten Charakterzug 
die Tatsache des außerordentlichen Anwachsens der Staatsausgaben. 
Die kleinen Staaten früherer Jahrhunderte haben zumeist billig ver- 
waltet, denn sie leisteten auch wenig Dienste. So weist Treitschke 
auf die interessante Tatsache hin, um wieviel billiger die früheren 
kleinen italienischen Staaten regierten als das geeinigte Italien. 
Das Wachsen der Staatsausgaben ist eine natürliche Folge der Zu- 
nahme der Staatsaufgaben, die Staatsaufgaben hinwieder wachsen 
mit dem Steigen der Kultur. Den sogenannten liberalen Staat in 
der Auffassung von Kant-Humboldt, der nur für Rechtssicher- 
heit sorgen sollte, alles andere aber den Individuen zu überlassen 
hätte, das laisser-faire der Physiokraten hat eine andere Auffassung 
verdrängt, welche die Staaten auf allen Gebieten in Tätigkeit zu 
sehen wünscht, wo die beschränkten Kräfte des Individuums un- 
genügend sind, um den Anforderungen der physischen, geistigen 
moralischen Kultur zu entsprechen. Die Staatstätigkeit hat in 
kolossalen Verhältnissen zugenommen und damit auch die Staats- 
ausgaben. Die immense Steigerung der Staatsausgaben beleuchten 
prägnant die folgenden Daten. Im Verlaufe von vier Jahrhunderten 
ist das französische Ausgabenbudget von 2 Millionen auf 4 Milliarden 
gestiegen. In der ersten Hälfte des XV. Jahrhunderts betrug es 
2 Millionen, unter Sully 32 Millionen, unter Colbert 720 Millionen, 
1830 eine Milliarde, 1911 überschritt es die vierte Milliarde. In 
Großbritannien ohne Irland betrug das Ausgabenbudget 1688 etwa 
3 Millionen Pfund Sterling, am Ende des XVILL Jahrhunderts 
60 Millionen, vor dem Weltkrieg 172 Millionen. Als Ursachen, 
welche im XIX. Jahrhundert das Steigen der Staatsausgaben her- 
vorriefen, kommen namentlich folgende in Betracht: a) In einzelnen 
Fällen die Vergrößerung des Territoriums des Staates und überall 
die Zunahme der Bevölkerung im XIX. Jahrhundert. Doch ist 
diese Zunahme natürlich nur als eine relative zu betrachten. 2. Die 
außerordentliche Zunahme der staatlichen Aufgaben auf dem Ge- 
biete der Kultur, so Unterricht, Volkswirtschaft, öffentliches Ge- 
sundheitswesen usw. Der Staat beschäftigt sich mit der Verwaltung 
großer Unternehmungen, wie Eisenbahnen, Kanäle, Geldinstitute usw., 
welche den Rahmen der Staatstätigkeit außerordentlich erweitern. 
3. Der humane Geist der Neuzeit fordert vom Staate große Opfer 
auf dem Gebiete der Armenpflege, Kinderpflege, Arbeiterver- 
sicherung, Gefängniswesen, Patronage usw. 4. Das immense An- 
wachsen des Heeresbudgets als Folge der internationalen Lage resp. 
der imperialistischen und Revanchebestrebungen und der außer- 
ordentlichen Entwicklung der Kriegstechnik, Dreadnoughts, Unter- 
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