332 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel.
im Gegensatze zu vielen Zeitgenossen nicht überschätzend, wich
Gervinus durch die Schroffheiten einer höchst eigenwilligen Per—
sönlichkeit doch wesentlich von seinem Rivalen ab. War es unter
diesen Umständen ein Zufall, daß er zum willigsten Schüler
Schlossers, des strengsten historischen Moralisten deutscher Zunge,
geworden ist? Wie dem auch sein möge, indem er so das In—
dividuelle praktisch wenig beachtete, weder in den Personen
noch in den Dingen, hat er sich eine minder vorteilhafte Basis
persönlicher Erinnerungen geschaffen und auf wissenschaftlichem
Gebiete vor allem die unpersönliche Seite der Ideenlehre zur
Geltung gebracht. Es war ganz sicherlich ein Fortschritt in
der Art, wie diese in seiner Historik vom Jahre 1837 gelehrt
wurde und teilweise auch in seinen Arbeiten, vor allem den
literargeschichtlichen, zutage trat. Allein indem dabei die „künst—
lerische Behandlung des Geschehens“ besonders betont wurde,
indem der Historiker als ordnender Kopf gegenüber den mensch⸗
lichen Geschicken zu den Dichtern in Parallele geriet, die gegen⸗
über denselben Geschicken schöpferischen Sinn zu bewähren
hätten: trat Gervinus in Gegensatz zu einer Zeit, die immer
mehr zum Realismus der Einzelforschung fortdrängte, und der
bald ein Satz, wie der, daß in der Geschichte nur wichtig sei,
was sich einer historischen Idee anschließt, als ein Märchen,
wenn nicht gar als eine Blasphemie zu erscheinen vermochte.
Und nur der Gedanke, daß alles historische Leben doch wohl
im Staate gipfele, verband den Alternden zuletzt noch mit den
Epigonen Rankescher Schule.
Im übrigen war nicht zu verkennen, daß die Verquickung
der Ideenlehre als Teil der historischen Methodologie mit den
spekulativen Anschauungen der Romantik doch auch zu starken
Einseitigkeiten führte, die dem zunehmenden Realismus Anlaß
zu einer gewissen Abwendung gaben. Sicherlich hatte diese
Lehre der Geschichtsbetrachtung den höchsten Schwung gegeben.
„Was kann kühner sein“, ruft Gervinus einmal aus, „als der
Weltordnung nachzuforschen, im wirren Chaos der Dinge die
lenkende Hand Gottes zu erraten?“ Allein es mußte auch
erlaubt sein zu fragen, ob denn der Historiker die nötigen