12 Die Auflösung der scholastischen Logik. — Francesco Pico.
letzten gemeinsamen Ziele durchdringt. Zum ersten Male tritt
dieser Fortschritt in der philosophischen Hauptschrift des jün-
geren Pico della Mirandola deutlich hervor. Diese Schrift ist
zu Unrecht vergessen: denn wenngleich sie an Bedeutung und
Wirksamkeit hinter den Werken des älteren und berühmteren
Giovanni Pico zurücksteht, so ist sie doch eine der frühesten
kritischen Zergliederungen der Aristotelischen Lehre, die auf voll-
ständiger und eingehender Kenntnis des Gesamtsystems ruht,
und die diesem selbst die Mittel zu seiner Bestreitung zu ent-
nehmen sucht. In der Gegenüberstellung der einzelnen Peri-
patetischen Lehren bekundet sich hier eine dialektische Schärfe
und Sicherheit, wie sie innerhalb des Humanismus und seines
rhetorischen Kampfes gegen die Scholastik nirgends erreicht
wurde. Der Gesamttendenz nach lenkt freilich Francesco Pico
wieder zum Mittelalter zurück; bei ihm, der unter dem ent-
scheidenden Eindruck der Persönlichkeit Savonarolas steht,
bildet das religiöse Interesse wiederum den letzten Maassstab, dem
alle Vernunftbetätigung sich unterwerfen muss. Auch die Kritik
des Aristoteles wird diesem Ziele und Gedanken eingeordnet: sie
soll zum Mittel werden, um die Offenbarung gegenüber der
„heidnischen Philosophie“ triumphieren zu lassen. So behält hier
Ireilich die Skepsis gegen die unabhängige Kraft des Wissens
das letzte Wort: eine Skepsis indes, die sich mit dem gesamten
Bildungsstoff und mit den Bildungsinteressen der Zeit durch-
drungen hat und die sich mit Vorliebe auf Nikolaus Cusanus
beruft.) Die Kritik an Aristoteles beginnt bei Pico mit der
Bestreitung der sensualistischen Erkenntnislehre, die als
das Fundament und der Angelpunkt des gesamten metaphysi-
schen Systems erwiesen wird. Die Wahrnehmung bildet, wie
er ausführt, den Grund und Halt des logischen Gebäudes, das
hier errichtet wird: denn auch die allgemeinen Prinzipien, die
in jede syllogistische Beweisführung als Praemissen eingehen,
sollen aus der Induktion, aus der Betrachtung und Zusammen-
lesung des Einzelnen gewonnen werden. Dieser Satz steht bei Ari-
stoteles so klar und unverbrüchlich lest, dass keine Deutung ihn
abzuschwächen oder umzubiegen vermag. Auch innerhalb der
scholastischen Gedankenentwicklung wird diese Auffassung be-
stätigt und festgehalten: die allgemeinen Axiome. wie etwa der