Full text: Finanzwissenschaft

D_ 4. Buch. V. Teil. Die Steuern. 
daß die Ausgleichung rascher erfolgt bei steigendem, als bei ab- 
nehmendem Einkommen, denn der Mensch lernt rascher neue Be- 
dürfnisse und die Annehmlichkeit der Befriedigung derselben kennen, 
als die Verzichtleistung auf gewohnte Bedürfnisse. 
Die Berechtigung der progressiv steigenden Besteuerung der 
höheren Einkommen beruht auch darauf, daß auf diese Weise auch 
das Ziel erreicht wird, das fundierte Einkommen stärker zu besteuern 
als das unfundierte. Die höheren Einkommen stammen nämlich 
überwiegend aus Vermögen und deren höhere Besteuerung gestattet 
wenigstens einigermaßen die Differenzierung von fundiertem und 
unfundiertem Einkommen. Es kommt hierbei noch in Betracht, 
daß je höher das Einkommen ist, desto größer, auch proportionell 
das demselben zugrunde liegende Vermögen, da die größeren Ver- 
mögen geringere Verzinsung bieten. 
8. Progression und Einkommensverteilung. Einzelne 
Schriftsteller haben den progressiven Steuerfuß in seiner Einwirkung 
auf die Einkommensverteilung untersucht. Hier begegnen wir 
namentlich jenen, die eben aus diesem Grunde den progressiven 
Steuerfuß perhorreszieren. Unbedingt wird nach beiden Richtungen 
hin übertrieben. Die Progression muß sich in der Regel in engen 
Grenzen bewegen und dann wird sie die Einkommensverteilung un- 
wesentlich verändern. Auch die Lust der Vermögensbildung wird 
sie nicht mindern, wie Mill befürchtet, denn der Zauber des Be- 
sitzes wird noch immer mächtig genug sein. Es muß immer vor 
Augen gehalten werden, daß die progressive Besteuerung einerseits 
die größeren sozialen Pflichten des Besitzes zum Ausdruck bringen 
will, andererseits soll sie die Schonung der kl&inen Vermögenskräfte 
sichern. Und selbst wenn die Progression zur Folge hätte, daß an 
dem einen Punkte ein Riesenvermögen nicht im bisherigen Maße 
wachsen wird, aber an 100000 Punkten kleine Vermögen entstehen 
werden, sich entwickeln, Schonung finden, so muß der letztere Fall 
volkswirtschaftlich und sozial als der günstigere, gesundere, wünschens- 
wertere bezeichnet werden. Ganz unverständlich ist es, wenn Gneist 
Demoralisation befürchtet, als ob — von allem übrigen abgesehen — 
die mit der Erleichterung von Hunderttausenden, Millionen ein- 
tretende entsprechende Steuerfassion, nicht reichlich Entschädigung 
böte für die eventuelle Steuerentziehung bei einem großen Ver- 
mögen. Die Berechtigung des progressiven Steuerfußes muß daher 
eigentlich nicht dort gesucht werden, wo sie Wagner sucht, in 
der Ausgleichung der Einkommensdisparitäten, da der progressive 
Steuerfuß dies nicht vermag und dies einer so scharfen Progression 
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