Full text: Finanzwissenschaft

Se 4. Buch. V. Teil. Die Steuern. 
ment für die progressive Besteuerung wird auch darauf hingewiesen, 
daß der progressive Steuerfuß als Korollarium der auf die Lebens- 
mittel erster Ordnung gelegten indirekten Steuern betrachtet werden 
muß. Die antisoziale Wirkung dieser Verzehrungssteuern soll im 
progressiven Steuerfuß ihr Gegengewicht finden. 
13. Finanzielle Bedeutung des progressiven Steuer- 
fußes. Von finanziellem Standpunkte hat man gegen die pro- 
gressive Besteuerung eingewendet, daß der progressive Steuerfuß, 
rationell angewendet, nur geringen finanziellen Erfolg hat, im Grunde 
aber das finanzielle Resultat der Hauptzweck jeder Besteuerung ist. 
„Die Erfahrung lehrt — sagt Leon Say — daß die progressive 
Steuer mit den größten Nachteilen verbunden ist. Wenn sie hoch 
ist, vernichtet sie das Kapital, wenn sie niedrig ist, trägt sie nichts 
ein.“ Hierauf ist zu bemerken, daß dieses Steuersystem oder Steuer- 
prinzip nicht von finanziellem Standpunkte zu beurteilen ist, sondern 
vom Standpunkte der Gerechtigkeit. Die Frage ist bloß die, ob 
die progressive Besteuerung der höheren Einkommen mit Hinsicht 
auf die in demselben repräsentierte Steuerkraft berechtigt ist und 
darauf kann nur mit Ja geantwortet werden. 
Ja es wäre sogar möglich, daß die Steuer bei progressiver 
Besteuerung einen geringeren Ertrag liefert, denn gegenüber der 
stärkeren Besteuerung der wenigen höheren Einkommen steht die 
mäßige Besteuerung der zahlreichen kleinen Einkommen. 
14. Willkürlichkeit des progressiven Steuerfußes. 
Ein häufig betontes Gegenargument — von dem Say, Martello 
und Andere Erwähnung tun — hebt hervor, daß der progressive 
Steuerfuß eigentlich ganz willkürlich ist. Auch dieses Argument 
steht auf schwachen Füßen. Die Erhöhung des progressiven Steuer- 
fußes kann nach solchen Einheiten geschehen, welche als Grad- 
messer der zunehmenden Steuerkraft betrachtet werden können 
und kann bei einem Punkte aufhören, wo eine weitere Steigerung 
eine wesentliche Anderung in der Steuerkraft nicht weiter hervor- 
ruft. Freilich mit mathematischer Genauigkeit lassen sich die Stufen 
nicht festsetzen, das gilt aber auch von anderen Erscheinungen des 
wirtschaftlichen Lebens und der staatlichen Finanzen, vor allem 
aber von allen Steuerfußen. Say, der den progressiven Steuerfuß 
hauptsächlich wegen seiner Willkürlichkeit angreift, da der Steuer- 
fuß hundertfältig sein kann, vergißt, daß ja jeder Steuerfuß, jede 
Gebühr willkürlich ist. Kein positiver Steuersatz, keine Taxe ist 
mathematisch notwendig und könnte ebenso höher als niedriger sein. 
Ob ein Steuersatz 3, 5, 10 oder 80 Prozent eines Einkommens in 
Anspruch nehmen soll. das läßt sich naturgesetzlich nicht beweisen, 
298
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.