478
IV. Buch. Nachtrage.
nicht darin, daß sie behaupteten, es gebe auf naturwissenschaftlichem, Psycho
logischem und ethischem Gebiete dauernd waltende Gesetze, sondern darin, daß
sie gegen jeden Wechsel der Dinge blind waren und auch da nicht an einen
solchen glaubten, wo sich ein solcher wirklich vollzieht. Sie ließen sich nicht
dazu herbei, die unendliche Mannigfaltigkeit in Betracht zu ziehen, welche in
Bezug auf Volkscharakter, Traditionen, Bildungsgrad, Religion, Sittlichkeit,
natürliche Beschaffenheit der verschiedenen Länder, Klima, Reichthum und
Productionsbedingungen unläugbar besteht. Sie übersahen, daß alle diese
Verhältnisse die Handlungsweise der Menschen in verschiedenster Weise be
einflussen und ihren Einfluß sogar auf die Beobachtung des Sittengesetzes
äußern. So haben sich sowohl die Anhänger der klassischen als die der histo
rischen Schule von Uebertreibungen nicht frei bewahrt. Es ist eben auch für
die Gelehrten sehr schwer, sich von einem Extrem fern zu halten, ohne in das
andere zu verfallen.
Um noch ein Wort über die Bedeutung der Statistik für die politische
Oekonomie zu sagen, so sind derartige geordnete Zusammenstellungen von
Zahlen, die bestimmte Thatsachen zum Ausdruck bringen, auf einzelnen Ge
bieten dieser Wissenschaft, und namentlich soweit es sich um die Production
und den Austausch der Güter handelt, zweifellos nützlich. Doch werden für
die Wirtschaftswissenschaft wichtige Informationen und Daten in weit größerer
Menge dadurch gewonnen, daß man Erhebungen in der Art der königlichen
Commissionen in England anstellt, oder daß tüchtige und zu diesem Behufe
ausgebildete Beobachter Monographien verfassen, welche über die gesamte
Lebensweise bestimmter Arbeiter-Familien und -Gruppen, über ihre Art
wohnen, sich zu nähren, zu kleiden und zu vergnügen, über die Art ihrer
Beschäftigung und die Verhältnisse, unter welchen sie arbeiten, über ihre Ein
nahmen und Ersparnisse, über ihr religiöses und moralisches Leben sowie
endlich über die Geschichte dieser Familien eingehende Aufschlüsse bieten. So
ist die Beobachtungsmethode beschaffen, welche Frederic Le Play ihren Ursprung
verdankt und sowohl in den übrigen Werken dieses großen Gelehrten und
Menschenfreundes als besonders auch in dem schon mehrfach citirten Werke
,1^68 ouvriers des deux mondes 4 — der von der Pariser Société intei
nationale d’Économie sociale publicirten Fortsetzung der Ouvriers euro
péens ihres großen Begründers — zur Beleuchtung der Verhältnisse der ver
schiedenen wichtigen Arbeiterfamilientypen angewandt wurde.
Selbstverständlich ist es durchaus nothwendig, daß sich alle derartigen
Beobachtungen den Gesetzen der inductiven Methode vollständig anpassen.
Diejenigen Le Plays und seiner zahlreichen Schule thun das auch gewissen
haft. Das von diesen Gelehrten und diesen Männern des praktischen Lebens
gegebene Beispiel ist sicherlich ein ganz hervorragendes. Sie vereinigen das