Full text: Finanzwissenschaft

F. I. Abschnitt. Die Einkommenssteuern. 447 
teristische Momente eingeführt. Die für die Einkommenssteuer 
charakteristischen Bekenntnisse wurden nicht für jede Klasse ge-. 
wünscht. Die jüngste Zeit (Neueres Gesetz 1918) hat aber auch 
hier einen großen Wandel gebracht. Das Bekenntnis ist zur Regel 
geworden, während es früher Ausnahme war!). Die gesamten 
Kinkommensarten sind in fünf Klassen (Schedules A—E) eingeteilt. 
In die erste Klasse gehören hauptsächlich Einkommen aus Grund- 
und Hausbesitz, in die zweite Klasse gehören namentlich aus der 
landwirtschaftlichen Benutzung der Grundflächen stammende Ein- 
kommen, so die Einkommen der Pächter; die zu gewerblichen oder 
kommerziellen Zwecken verwendeten Grundstücke und Häuser ge- 
hören nicht in diese Klasse, sondern in Sch. D; in die dritte Klasse 
gehören die Einkommen aus Wertpapieren; in die vierte Klasse 
gehören die Einkommen aus Gewerbe, Handel, Verkehr, Berg- 
werken, Dividenden von Aktiengesellschaften usw. und alle in andere 
Klassen nicht gehörige Einkommen; in die fünfte Klasse Gehalte, 
Honorare, Pensionen, Arbeitslöhne. Diese fünf Klassen zeigen 
— wie ersichtlich — große Ähnlichkeit mit den Hauptgruppen 
des Ertragssteuersystems. In der ersten und zweiten Klasse sind 
nur Ertragsnachweisungen erforderlich; bei der dritten Klasse wird 
die Steuer gleich bei jener Kasse abgezogen, die den Coupon ein- 
löst, ebenso bei der fünften Klasse die die Zahlung versehende Kasse, 
Bekenntnis ist daher eigentlich nur bei der vierten Klasse nötig. 
Als Prinzip gilt, daß das Einkommen nicht bei dem Berechtigten 
besteuert wird, sondern bei der Quelle („stoppage at the source“), 
und diesem Vorgang schreiben die Engländer die Vorzüglichkeit 
ihres Systems zu*). Ein großer Teil der Besteuerten sieht nie jenen 
Betrag, den er dem Staate schuldet, er verschmerzt daher die 
Steuer leichter, auch ist er von dem unangenehmen Steuerbekenntnis 
') Siehe Meisel, a. a. 0. S. 391. 
°) „Nur die Erhebung an der Quelle macht es möglich, jene allgemeine 
Deklarationen zu entbehren, welche die Privatverhältnisse bloßlegen und den 
englischen Lebensanschauungen gänzlich zuwiderlaufen. ... Die englische 
Steuerbehörde ist der Ansicht, daß die im Falle allgemeiner Deklarationen un- 
entbehrlichen Strafbestimmungen und die solchenfalls ebenso unentbehrlichen. 
irritierenden Inquisitionen in die privaten Vermögensverhältnisse so viel böses. 
Blut erregen würden, daß man die Einkommenssteuer ganz aufheben müßte“ 
(Conrad, Handwörterbuch für Staatswissenschaften. „Einkommenssteuer“). In 
seiner Budgetrede am 18. April 1907 wies der englische Finanzminister Asquith, 
darauf hin, „daß die Einkommenssteuer in dem mit dem 1. April 1907 endenden 
Jahre nicht weniger als 32 Millionen Pfund Sterling einbrachte und zwar nicht 
weniger als zwei Drittel dieser Summe, ohne daß der Steuerzahler einen Scheck 
auszustellen gehabt hätte, oder seinen Geldbeutel hätte öffnen müssen, ja fast 
ohne es wahrzunehmen, daß er besteuert wurde (Inhülsen, Die Frage weiterer 
Abstufung der englischen Einkommenssteuer, Schanz’ Finanzarchiv 1907, I. Bd., 
S. 195 u. f.).
	        
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