Full text: Finanzwissenschaft

F. V. Abschnitt. Kriegssteuern und Steuerpolitik nach dem Weltkriege. 527 
5. Andere Staaten. Im Kreise der hier geschilderten Ver- 
fügungen bewegt sich die Steuerpolitik des Weltkrieges. Wie er- 
sichtlich ohne besondere Invention !). Das Novum bildet die Kriegs- 
gewinnsteuer. Dies gilt auch für die anderen Staaten, bezüglich 
derer wir noch kurz einiges hinzufügen. Was Österreich betrifft, 
so wurde dort teils mit Erhöhungen der Steuerfuße, teils mit Zu- 
schlägen bei einer Reihe von Steuern vorgegangen, so bei der Ein- 
kommensteuer, der Erbschaftssteuer, der Branntweinsteuer, Bier- 
steuer, Zuckersteuer, Schaumweinsteuer, bei Post- und Telegraphen- 
gebühren, Frachtgebühren, den Gerichts- und Verwaltungsgebühren 
usw. Neu eingeführt wurde außer der Kriegsgewinnsteuer die 
Kohlensteuer. England hat auch in diesem Kriege vor allem seine 
spezielle Kriegssteuer („war duty“), die Einkommensteuer, auf das 
höchste angespannt ”).. Dieselbe stieg in den höchsten Stufen — mit 
Einschluß der Supertax — auf 51,7 Prozent des Einkommens. 
Dann wurden die Verzehrungssteuer und Zölle, manche mehrmals 
erhöht: Branntwein, Bier, Tee, Kakao, Kaffee, Zucker, Melasse, 
Sacharin, Tabak, Arzneien usw. Neu eingeführt wurde eine Lust- 
barkeitssteuer, eine Zündhölzchen- und Mineralwassersteuer. Erhöht 
wurden überdies noch die Fahrkartensteuer und die Postgebühren. 
Während England von jeher dem Prinzipe huldigte, die Kriegs- 
kosten nach Möglichkeit durch Steuern zu decken, hat — wie wir 
an anderer Stelle gesehen — Frankreich sich nur schwer zur An- 
ziehung der Steuerschraube entschlossen ®). Am wichtigsten war 
jedenfalls die Einführung der so sehr verhaßten Einkommensteuer: 
Hierzu kam dann die Erhöhung einiger direkter und einer Reihe 
indirekter Steuern. In Italien hat die Kriegsbesteuerung nament- 
lich zur Erhöhung der Einkommensteuer und der meisten Ver- 
zehrungssteuern geführt, neu eingeführt wurde die Wehrsteuer, eine 
einprozentige Kriegssteuer nach alten veranlagten Steuern und nach 
den Zahlungen des Staates an Lieferanten usw. In Rußland wurde 
_') Es ist hier interessant, daran zu erinnern, daß im Jahre 1863 in den 
Vereinigten Staaten eine Kommission eingesetzt wurde, um neue Einnahme- 
quellen zu erforschen, ohne besonderen Erfolg , was die Neuheit der Vorschläge 
betrifit (Hock, a. a. 0. S. 190). 
*) Quelle est la troisieme — et ä mon avis la seule — ligne de conduite 
prudente et süre — sagt der englische Finanzminister Lloyd George am 
4. Mai 1915 — qui nous viendrait en aide pendant la guerre et chose encore 
plus importante, qui ne nous ruinirait apres la guerre? Le revenu national 
(Jeze, Les finances de la guerre de l’Angleterre, 1. Suppl., Paris 1912, S. 55). 
°) „Nous ne vous proposons — sagt der Finanzminister Ribot am 22. De- 
zember 1914 — ni de creer de nouveaux impöts ni de relever les impöts ex- 
ıstants ... Il vaut mieux attendre, pour augmenter le poids des impöts, que le 
pays alt 6te delivre de l’invasion et que la vie &conomique ait pu reprendre tout 
son €lan“ (Jeze, Les finances de la guerre de la France, Paris 1915, 8. 213).
	        
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