Bildende Kunst.
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dann wohlgeordnet vorgetragen wurden, oder auch Momente
von Eindrücken gemischter Farben, deren Werte nach den noch
nicht ins Bewußtsein gehobenen stillen Trieben eines neuen Ge—
schmackes angeordnet wurden? Ein ganzes Nest neuer Pro—
bleme ergab sich da, und die neue Kunst ergriff diese Probleme
mit besonderem Eifer.
Natürlich aber waren mit der vollen Entwicklung der Licht—
kunst die alten Lokalfarben und die schwarzen Schatten und
ihre Korrektur, der warme Ton, verschwunden. Was hat man
dabei nicht namentlich dem Ton nachgejammert! Ohne ihn sei an
eine Harmonie, an ein Zusammengehen der Farben im Bilde
nicht zu denken! —: bis sich schließlich, freilich erst bei einer
gewissen Höhe der neuen technischen Leistungsfähigkeit, zeigte,
daß die hart, aber genau nebeneinander gesetzten Farbennüancen
der Wirklichkeit ein bis dahin ungeahnt feines, — und, was
mehr besagt, wahres Zusammengehen des Ganzen bewirken.
Erst recht verschwand natürlich das Zeichnerische. Denn
selbst die Umrisse der Dinge lösten sich jetzt, genau besehen, in
Lichteindrücke feiner Grenzstreifen auf. Und damit verschwand
auch die bisher gewohnte Behandlung der Tiefe, des Raumes.
Wie für die Komposition, so war im Grunde auch für
die Perspektive bisher im wesentlichen die Zeichnung maß—
gebend gewesen: die Linearperspektive also, und zwar noch nicht
einmal die rein natürliche, sondern eine etwas nach den künst—
lerischen Bedürfnissen des Bildes korrigierte, welche die Dinge
im Vordergrund gern etwas zusammenschob, um im Hinter—
grund größere Tiefe zu gewinnen. Gewiß hatte man daneben
auch schon die Luftperspektive gekannt und angewandt. Aber
im Grunde in welch rohen, abgekürzten, noch immer aus Un—
vermögen stilisierten Formen! Da war der Hintergrund blau,
der Vordergrund braun, der Mittelgrund zumeist grünlich-braun
oder auch in anderen Farben gegeben worden, so wie man
noch heute wohl Holzschnitten oder Photographien den Ein—
druck des Farbigen verleiht, indem man sie mit einem Über—⸗
druck versieht, der vom Vordergrund zum Hintergrund eine