I. Abschnitt. Allgemeine Lehren.
österreichischen Staate ein Darlehen von 50000 Gulden unter der
Bedingung, daß im Falle der Vakanz das Oberzollamt mit ihm besetzt
werde. In Holland werden Anlehen aufgenommen gegen Verpfändung
der Quecksilberbergwerke von Idria, ebenso gegen Verpfändung
des ungarischen Kupfers (1702). Principe Odescalchi
in Venedig gibt ein Anlehen gegen Verleihung einer „noch unbekannten“
Würde. Im Jahre 1703 wird ein Teil des Silberzeuges
des kaiserlichen Hauses verpfändet. Oft kommen Zwangsanleihen
vor, die namentlich bei folgenden Personen aufgenommen wurden:
Geistliche, namentlich höhere geistliche Würdenträger, geistliche
Körperschaften, Orden (so in Frankreich, namentlich der Templerorden)*),
Juden (hier wurde den Juden dieselbe Behandlung zuteil
wie der Kirche), Staatsbeamte, die die Forderung auf ihre Nachfolger
überwälzen durften (!). Wir begegnen auch dem Plane, bei
den Offizieren Anlehen aufzunehmen, wegen der bedeutenden Geldrückstände
sah man aber hiervon ab.
Bei Landmann?) lesen wir, daß Bernard (unter Ludwig
XV.) nur unter der Bedingung geneigt war ein Darlehen zu
geben, daß er dem Könige vorgestellt werde, daß ihn der Herzog
von Noailles zum Diner und eine Hofdame zum Souper lade. In
England war es Sitte, daß im Bedrängnisfalle jedem angesehenen
Bürger „privy seals“ zugingen mit Bitten um Geldbeiträge.
Von Preußen abgesehen, sagt Thorsch, wurde jede historisch
bedeutende Rolle in der Neuzeit mit großen Staatsschulden bezahlt.
Hierzu kommt, daß der Absolutismus der vorhergehenden
Epoche gleichfalls die Vermehrung der Staatsschulden beförderte,
denn der Absolutismus wollte die Stände unterdrücken, daher verzichtete
er auf die Steuern, deren Bewilligung von den Ständen zu
erbitten war.
2. Altere Theorie. So kann es denn nicht wundernehmen,
wenn die gewissenhafteren Staatsmänner (Necker, Stein, Hardenberg
usw.), ebenso wie bedeutende Theoretiker (Ricardo, Say
usw.) sich gegen den Staatskredit aussprachen und dessen Wirkung
ungünstig beurteilten. Colbert war ein Feind des Staatsschuldenwesens
und bedrohte mit Todesstrafe denjenigen, der dem König
Darlehen geben wollte. Seiner Meinung nach ist der Staatskredit
nur die Kunst des Schuldenmachens, welche Schulden nie zurückbezahlt
werden. Hume tat folgenden Ausspruch: entweder schlägt
') Schmidt, Die Anfänge der französischen Staatsschulden (Schanz,
Finanzarchiv 1918, I).
?), Zur Entwicklungsgeschichte der Formen und der Organisation des öffentlichen
Kredits (Finanzarchiv, 29. Jahrg., I. Bd.).
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