lichen Welt, sondern sozusagen von innen heraus betrachtet — nämlich
so, wie das seelische Erlebnis nicht einem kühlen und fremden gegen-
ständlichen Beobachter, sondern wie es sich selber, dem Erlebenden
selbst erscheint. Und das ist eben die prinzipielle Stellungnahme der
russischen Psychologie — nicht soviel der speziellen psychologischen
Forschung, die meistens unter dem Einfluß der westlichen Wissenschaft
steht, als der allgemeinen philosophischen Weltanschauung im Gebiete
des Seelischen. Betrachten wir das Seelische so von innen heraus, wie
es in unseren Träumen, unseren Affekten und Leidenschaften, unseren
Sehnsüchten und Verklärungen für sich selber im eigenen Erlebnis
ist, so erhalten wir einen ganz andersartigen Begriff von ihm. Es
kann dann gar keine Rede davon sein, daß die Erscheinungen dieses
Gebietes gewissen materiellen Erscheinungen räumlich-zeitlich zuge-
ordnet werden könnten und durch diese Zuordnung ihr bescheidenes
Plätzchen in der objektiv-gegenständlichen Welt erhielten. Sie bilden
im Gegenteil ein Weltall für sich, das sozusagen in einer ganz anderen
Weltdimension liegt, — unermeßlich in seiner Tiefe und Reichhaltig-
keit, nach eigenen Gesetzen lebend, die in einem anderen Weltplane
sinnlos und unmöglich sind, hier aber mit unmittelbarer Evidenz
herrschen. Der Mensch, wie er in der äußeren Welt hervortritt, scheint
ein winziger Teil des Weltganzen zu sein und sein Wesen erschöpft
sich für den äußeren Blick mit diesem Scheine; tatsächlich aber ist
das, was wir „Mensch“ nennen, in und für sich etwas unermeßlich
größeres und qualitativ ganz anderes, als ein kleiner Weltfetzen; es
ist eine, äußerlich in einem kleinen Umfang hineingepreßte, geheime
Welt ungeheurer, potentiell unendlicher Kräfte; und seine unterirdische
Tiefe ähnt ebensowenig seiner äußeren Erscheinung, wie das Innere
eines großen, unermeßliche Reichtümer aber auch Leiden in sich ber-
genden dunklen Schachtes der unmerklichen Öffnung ähnt, die ihn mit
der hellen gewohnten Welt der Erdoberfläche verbindet.
Dies ist eben die prinzipielle Stellung des russischen Geistes zum
Gebiete des Seelischen. Ich erlaube mir, diesen psychologischen Onto-
logismus an einigen Beispielen aus dem Gebiete der russischen Litera-
tur zu beleuchten. Der außerordentliche psychologische Tiefblick
Dostojewskis, seine Begabung, in die geheimen und dunklen Abgründe
der menschlichen Seele einzudringen, die Nietzsche zu der Äußerung
veranlaßte, Dostojewski sei der einzige Lehrer der Psychologie in
unseren Tagen, ist genügend bekannt. Ich möchte aber hervorheben,
daß die, sozusagen methodische Voraussetzung für diesen Tiefsinn die
ist, daß für Dostojewski die Menschenseele nicht ein kleines und ab-
geleitetes Gebiet für sich ist, sondern eben unendliche Tiefen hat, mit
denen sie in den letzten Abgründen des Seins eingewurzelt und mit
Gott selber — oder auch mit Satan — unmittelbar verbunden ist, so-
daß sie in den Augenblicken einer wirklichen Leidenschaft von den
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