Full text: Gesellschaftslehre

Das Kampfverhältnis. 
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tiv selbständige und evt. sogar gegensägliche Stellung, die das Individuum auch jn 
ausgesprochenen Gemeinschaftskulturen einnimmt). — Kropotkin, Gegenseitige 
Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Autorisierte Ausgabe, Leipzig 1908 (behandelt 
die weite Verbreitung der gegenseitigen Förderung in der Tierwelt, ohne sie freilich 
gegen andere Typen des Verhaltens abzugrenzen). 
26. Das Übergewicht des Gemeinschaftsverhältnisses 
über die Gesellschaftsverhältnisse. 
Inhalt: Historisch sehen wir das Gesellschaftsverhältnis durchweg erst aus 
dem Gemeinschaftsverhältnis hervorgehen. Auch nach seinem Wesen ist es erst aus 
diesem zu verstehen, sofern die für das Gesellschaftsverhältnis charakteristische Re- 
;pektierung einer festen Ordnung nur im Gemeinschaftskreis hinreichend eingeübt und 
ebenso alle sozialen Anlagen nur innerhalb seiner voll entwickelt werden können. 
1. Der alte Rationalismus der Aufklärung rechnet bekanntlich in sei- 
ner Theorie des Soziallebens überhaupt nur mit dem Gesellschaftsverhält- 
nis (im Sinne von Tönnies), das er als ein rein äußerliches Vertrags- 
verhältnis zu erklären suchte, während das Gemeinschaftsverhältnis von 
ihm unbeachtet gelassen wurde. Wollte man aber die Erörterung auf 
eines der beiden Verhältnisse beschränken, so müßte dieses die Gemein- 
schaft sein, denn sie ist von beiden das wesentlichere sowohl in histo- 
rischer wie in systematischer Hinsicht. Es kann vorkommen, daß der 
Mensch lediglich in der Gemeinschaft sein Leben verbringt, während sich 
dasselbe vom Gesellschaftsverhältnis nicht sagen läßt. Macht man in 
Gedanken einmal ernst mit der Vorstellung, daß die Menschen gegenseitig 
nur zu gewissen Leistungen anzuhalten seien, im übrigen aber einander 
nichts angehen — eine bis in die Gegenwart vorwiegend wohl aus prak- 
tischen Motiven verbreitete Vorstellung —, so sieht man alsbald, daß bei 
einem derartigen konsequent durchgeführten Zustande eine Erhaltung 
der Gruppe überhaupt nicht möglich wäre. Bis jeßt wenigstens ist es 
nicht gelungen, Formen des Zusammenlebens zu schaffen, bei denen bloße 
Vertragsverhältnisse genügten, um die Erhaltung des Daseins dauernd zu 
gewährleisten. Mindestens liegt die Wahrheit dieses Sayes auf der Hand 
für besonders schwierige Lagen: wie sollte ein Volk in einem Kriege be- 
stehen, wenn wirklich alle seine Angehörigen lediglich ihren Vertrags- 
pflichten nachkämen? Wenn insbesondere Soldaten und Offiziere von 
allen Regungen des Ehrgefühls, der Begeisterung und der Hingabe frei 
wären? Für die Hilflosigkeit der Kinder oder der Kranken gilt das- 
selbe: Eltern, die lediglich das leisten würden, dessen Unterlassung das 
Strafgeseg bedroht, würden wenig Kinder aufbringen, und der Kranke, 
dessen Arzt und Pfleger aus ihrer Berufstätigkeit ein bloßes Geschäft 
machen, ist jedenfalls viel ungünstiger daran als derjenige, dessen Be- 
handlung von dem Geist der Hilfsbereitschaft durchdrungen ist.
	        
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