{. Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung. 731
frühem Alter zu irgend einem Arbeitgeber, um wöchentlich ein bis zwei
Schilling zu verdienen. Der zweiten Classe ist es eine Hauptsorge, ihren
Kindern eiue gute Erziehung zu geben; alle möglichen Mittel werden auf-
geboten, eine solche zu erlangen, Sie bezahlen dafür höchst bereitwil-
lig. Die erste Classe ist begierig auf jeden Vortheil, den die Wohlthätig-
keitsanstalten des Ortes den Armen bereitet haben, Wenn z B. ärzt-
liche Behandlung ihnen umsonst angeboten wird, so weisen sie dieselbe
nicht selten zurück, wenn ihnen nicht auch die Medicamente umsonst ge-
geben werden. Die andere Classe von Familien ist nicht nur bereit, die
Medicamente zu bezahlen, sie ist aufrichtig dankbar, ja sie reicht oft ihren
Aerzten eine kleine Geldsumme. Unter der ersten Classe finden sich all-
gemein ansteckende Fieberkrankheiten. Fieber kommt auch unter der zwei-
zen mässigeren und besser situirten Classe vor, aber selten mit jenem bös-
artigen ansteckenden Charakter. Hier haben wir also auf der einen Seite
Schmutz, Noth und Krankheit bei hohem Lohn; auf der anderen Rein-
lichkeit, Bequemlichkeit, ‚verhältnissmässig gute Gesundheit bei viel gerin-
gerem Lohn, Der Unterschied im Lohn macht nicht den Unterschied in
der Lebensrichtung der arbeitenden Classen. Einkommen allein, von einem
gewissem Betrag, etwa zwölf bis vierzehn Schillinge wöchentlich ab, ohne
Intelligenz und gute Gewohnheiten trägt nichts zur Bequemlichkeit, Ge-
zundheit und Unabhängigkeit der arbeitenden Bevölkerung bei. Wenn ich
um einen Rath gefragt würde, wie einer solchen Familie geholfen werden
könnte, so würde ich sagen: Man zeige ihr, wie man bequem mit seinem
Einkommen lebt; man erziehe sie zu Fleiss, Mässigkeit, Nüchternheit, Rein-
lichkeit etc, und mit diesen zwölf oder vierzehn Schilling kann sie in Ge-
sundheit und Glück leben, wie Andere in ähnlichen Verhältnissen gelebt
haben und noch leben. Der Mann, der sich und seine Familie mit zwölf
bis vierzehn Schilling wöchentlicher Einnahme anständig ernährt, geniesst
Glück zu Hause und giebt ein edles Beispiel ehrlicher Selbständigkeit. Ich
bin überzeugt, dass der Schmutz, das Fieber, die Noth in vielen Familien
nicht von ihrem geringen Einkommen, sondern von falscher Anwendung
desselben herrührt. Häufig werden Fälle gefunden, in denen mit Mangel an
Geschicklichkeit und Sparsamkeit der unmässige Genuss von betäubenden
Getränken verbunden ist, und da ist das Elend voll. Dies ist die Erklä-
rung, die ich zu bieten habe in Betreff des jetzt vorherrschenden Elends,
and dieselbe Erklärung wird von den sparsamen arbeitenden Classen ge-
geben, wenn sie danach gefragt werden. Familienhäupter mit drei bis
vier Kindern und einem Einkommen von vierzehn bis achtzehn Schillinge
die Woche haben mich versichert, dass ein Mann mit einer Frau und drei
bis vier Kindern von zwölf bis. vierzehn Schillingen die Woche anständig
leben könne. Das Elend und die Noth vieler Familien mit gutem Lohn
erklären sie dadurch, dass viele arm werden und sich genügender Nahrung
und Kleidung berauben durch ihre schlechte Hauswirthschaft, durch Man-
gel an Sparsamkeit und durch das Trinken geistiger Getränke. Fälle von