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Dichtung.
Nur noch ein zages Leben
Fühl durch die Nacht ich schweben,
Auf die der Friede seine Hände hält.
Man wird zunächst nicht zweifeln, daß der Dichter des
jüngsten Zeitalters, Bierbaum, die Gedichte seiner Vorgänger ge—
kannt hat. Denn welcher Gebildete kennt sie nicht? Von Claudius
aber ist nachgewiesen, daß sein Gedicht eine zeitgemäße Um—
bildung der Verse Paul Gerhardts bildet!. Die Gedichte
stehen also in einer gewissen Abhängigkeit voneinander; die
Stimmung, die ausgedrückt werden soll, ist dieselbe; auch
die rhythmische Form ist, unter gewissen Abweichungen,
die gleiche. Aber dabei welche Verschiedenheiten in der
Wiedergabe der Eindrücke! Schon die Andeutung nur der
augenscheinlichsten Unterschiede wird mehr als genügend zeigen,
welch außerordentliche Steigerungen der Wirklichkeitssinn vom
17. zum 18. und vom 18. zum 19. Jahrhundert erlebt hat.
Das Lied Paul Gerhardts hat neun Strophen; die
Schilderung des Landschaftlichen ist mit den drei Strophen
abgeschlossen, die oben gegeben sind; in den folgenden, nicht
mehr abgedruckten Strophen tritt die Wahrnehmung der
äußeren Welt immer mehr zu Gunsten des Ergusses frommer
Empfindung zurück.
Claudius' Lied hat sieben Strophen, wovon die fünf
letzten, hier nicht wiedergegebenen, ganz dem direkten Ausdruck
religiöser Stimmung dienen: nur daß noch einmal auf den
Mond hingewiesen wird und zur Schilderung der konkreten
Erscheinungen die Zeile „Kalt ist der Abendhauch“ hinzukommt.
Bierbaums Gedicht ist mit den citierten zwei Strophen
vollständig; es giebt nur die Situation und in dieser die
Stimmung mit: als dem Ausdruck der Stimmung fur sich allein
S. D. Jacoby in Wagners Archiv f. d. Gesch. der deutschen
Sprache und Dichtung 1, 381; eit. Sauer in Kürschners D. Rational⸗
litteratur 50, 2, 293 Anm. Hiernach ist Claudius oben citiert; Gerhardt
nach Bd. 31, 139 40.