Metadata: Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung (E,1.1902)

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Dichtung. 
Nur noch ein zages Leben 
Fühl durch die Nacht ich schweben, 
Auf die der Friede seine Hände hält. 
Man wird zunächst nicht zweifeln, daß der Dichter des 
jüngsten Zeitalters, Bierbaum, die Gedichte seiner Vorgänger ge— 
kannt hat. Denn welcher Gebildete kennt sie nicht? Von Claudius 
aber ist nachgewiesen, daß sein Gedicht eine zeitgemäße Um— 
bildung der Verse Paul Gerhardts bildet!. Die Gedichte 
stehen also in einer gewissen Abhängigkeit voneinander; die 
Stimmung, die ausgedrückt werden soll, ist dieselbe; auch 
die rhythmische Form ist, unter gewissen Abweichungen, 
die gleiche. Aber dabei welche Verschiedenheiten in der 
Wiedergabe der Eindrücke! Schon die Andeutung nur der 
augenscheinlichsten Unterschiede wird mehr als genügend zeigen, 
welch außerordentliche Steigerungen der Wirklichkeitssinn vom 
17. zum 18. und vom 18. zum 19. Jahrhundert erlebt hat. 
Das Lied Paul Gerhardts hat neun Strophen; die 
Schilderung des Landschaftlichen ist mit den drei Strophen 
abgeschlossen, die oben gegeben sind; in den folgenden, nicht 
mehr abgedruckten Strophen tritt die Wahrnehmung der 
äußeren Welt immer mehr zu Gunsten des Ergusses frommer 
Empfindung zurück. 
Claudius' Lied hat sieben Strophen, wovon die fünf 
letzten, hier nicht wiedergegebenen, ganz dem direkten Ausdruck 
religiöser Stimmung dienen: nur daß noch einmal auf den 
Mond hingewiesen wird und zur Schilderung der konkreten 
Erscheinungen die Zeile „Kalt ist der Abendhauch“ hinzukommt. 
Bierbaums Gedicht ist mit den citierten zwei Strophen 
vollständig; es giebt nur die Situation und in dieser die 
Stimmung mit: als dem Ausdruck der Stimmung fur sich allein 
S. D. Jacoby in Wagners Archiv f. d. Gesch. der deutschen 
Sprache und Dichtung 1, 381; eit. Sauer in Kürschners D. Rational⸗ 
litteratur 50, 2, 293 Anm. Hiernach ist Claudius oben citiert; Gerhardt 
nach Bd. 31, 139 40.
	        
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