-— 160 —
durch ihre körperliche und geistige Kigenart besser oder wenigstens
ebenso gut geeignet sind, als die Männer, während ihnen diejenigen
dauernd zu verschliessen sind, bei welchen der Mann eine grössere
Leistungsfähigkeit aufzuweisen hat, oder sonst den Platz zweckmässiger
ausfüllen kann. Wir stehen in dieser Beziehung noch in den ersten
Anfängen der Entwicklung, und es müssen noch eine Menge Studien
gemacht werden, um das Richtige zu treffen. Vor allem gilt es aber,
das alte Vorurteil zu beseitigen, als sei auch in unseren veränderten
Verhältnissen das Mädchen allein auf die häusliche Thätigkeit anzu-
weisen, und es für gesellschaftlich anstössig zu halten, wenn sich ein
Mädchen auf eigene Füsse zu stellen sucht und nach einem geeigneten
Wirkungskreise strebt.
Zwei Punkte sind hier vor Allem zu beachten. KEinmal, dass es
körperlich der Frau an der Kraft und Ausdauer fehlt, die dem Manne
eigen‘ ist, dass deshalb die Gefahr vorliegt, sie vorzeitig zu ruinieren,
wenn ihr Berufsarten zugewiesen werden, denen sie physisch nicht ge-
wachsen ist, wie das auch jetzt so vielfach im Fabrikbetriebe und in
der Hausindustrie geschieht. Das Mädchen entwickelt sich schneller,
als der Knabe und Jüngling, es ist körperlich und geistig früher gereift,
es hat daher nicht so viel Zeit zur Aufnahme, wie das männliche Indi-
viduum und wird auch früher auf dem Gipfel seiner Leistungsfähigkeit
angelangt sein. Die Frau ist mehr receptiv angelegt und hat deshalb
von wenigen Ausnahmen abgesehen, niemals eine grosse Produktivität
bewiesen. Sie wird deshalb dazu berufen sein, das zu verwerten, was
der Mann durch seine grössere Kombinationsgabe in Wissenschaft und
Praxis vorwärtsstrebend erreicht hat. Dadurch werden die ihr zu
stellenden Aufgaben von vorne herein in eine bestimmte, abgegrenzte
Richtung zu leiten sein, und es wäre deshalb unendlich falsch, von
ihnen allgemeiner dieselbe Vorbildung und Schulung zu verlangen, wie
von dem Manne. Unzweifelhaft liegt in. der Gegenwart gerade in
Deutschland für Staat und Gesellschaft der Frau gegenüber eine grosse
Aufgabe vor, auf deren Details einzugehen, hier indessen nicht der
Ort ist.
In der gleichen Weise ist noch, namentlich in den ländlichen
Distrikten Deutschlands mit dem langen Winter eine Lücke unausge-
füllt und der Arbeiterbevölkerung Ersatz für die ihr geraubte häusliche
Arbeit zu schaffen. Dies dürfte wohl am zweckmässigsten in ver-
schiedenen Branchen der Hausindustrie zu finden sein. In Russland,
in der Umgegend von Moskau hat sich solche gewerbliche Thätigkeit
im Hause bei den Bauern in mannigfaltiger Weise eingebürgert. Das
verschiedenartigste Hausgerät und Spielzeug wird von ihnen in Holz
angefertigt und teils an Verleger in Moskau, teils in einem gemein-
samen Laden zum Verkauf gebracht. In der Schweiz, ebenso in ein-
zelnen Teilen Bayerns und des Schwarzwaldes spielt in den ländlichen
Distrikten die Holzschnitzerei eine gewisse Rolle als Nebenerwerb, wie
in Belgien, im sächsischen Erzgebirge arbeitslose Männer, Maurer,
Zimmerleute ete. an der Spitzenklöppelei und sonstiger Frauenarbeit
teilnehmen.
Nach dieser Richtung kann durch praktischen Handarbeitsunter-
richt sicher viel geschehen, und es wäre die Aufgabe auch der Staats-