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Verbesserungen in den Lokomotiv-Nebenteilen.
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was die Dampfbildung genügend sichert. Die Zahnräder sind hier im Gegensatz zu den
Riggenbachschen Lokomotiven der Abb. 235 in einem besonderen nicht gefederten Rahmen
(Abb. 236) gelagert. Der Zahneingriff ist daher unabhängig von dem Federspiel der
Lokomotive, somit ein besserer als bei ersterer Bauart.
Eine der neuesten und zugleich stattlichsten Abtschen Lokomotiven für gemischten
Betrieb zeigt Abb. 238. Es ist die ^-Tenderlokomotive der schon S. 135 genannten un
garischen Bahn Tiszolcz-Zolyom brezo. Der Kohlen- und Wasserkasten liegt hinter der
Feuerkiste und wird durch ein Drehgestell (mit Laufrädern) gestützt; mithin ist die
während der Fahrt eintretende Verminderung der Tendervorräte von geringem Einfluß
auf das Reibungsgewicht der Treibachsen, und damit auf die Zugkraft. — Abtsche Loko
motiven mit entsprechend breitem Zahnrade sind auch für die Leiterzahnstange ausgeführt
worden, so z. B. für die Berner Oberlandbahnen und die Höllenthalbahn. Klose-
Stuttgart hat 1890 eine dem gleichen Zwecke dienende 4cylindrige Lokomotive für die
St. Gallen-Gaisbahn entworfen, bei der zugleich eine höchst sinnreiche, freilich auch etwas
verwickelte Radialeinstellung der Radachsen zur Ausführung gebracht ist, wie sie u. a.
auch neuere Württembergische Gebirgslokomotiven besitzen. —
Zur Vervollständigung des Lokomotivbildes ist schließlich noch folgendes zu erwähnen:
In den letzten 20 Jahren sind überall die für die Betriebssicherheit so überaus
wertvollen durchgehenden Bremsen (S. 257) eingeführt; ferner ist bei den Personenzügen
die Dampfheizung hinzugekommen, die in der Regel von der Lokomotive gespeist wird,
desgleichen hat man vielfach selbstthätige Zentralöler für die Dampfcyliuder und deren
Schieber angebracht. Verbesserte Führerhäuser, die in Amerika zuweilen fast luxuriös ein
gerichtet werden, schützen das Personal gegen die Unbilden der Witterung und enthalten
alle die Druckmesser, Hebel, Stellrädchen und Griffe, die zur Bedienung einer Lokomotive
notwendig sind, wie die Manometer für den Kesseldruck, für die Pressung in dem Haupt
behälter und in der Leitung der Luftdruckbremsen u. s. w., ferner die Wafferstandszeiger,
den Händel oder die Schraube für die Umsteuerung, die Ventile und Hähne für die
Pumpen und deren Wasser- und Dampfröhren, die Griffe für die Dampfpfeife, den
Sandstreuer, die Klappen des Aschkastens (zur Regelung des Luftzuges), den Hilfsbläser
zum Anfachen des Feuers beim Stillstand der Lokomotive, die Ablaßhähne der Dampf
cylinder, um das übergerissene oder niedergeschlagene Wasser aus ihnen zu ent
fernen, u.s. w. u.s. w. Beachtet man, daß der Führer alle diese verschiedenen Druckmesser,
Wasserstandszeiger, Öler, die Feuerung, das Arbeiten der Luftpumpe u. s. w. ins Auge
fassen muß, aber auch während der Fahrt die Gleisstrecke und deren Signale, sowie das
Verhalten der ganzen Lokomotive aufmerksam zu beobachten hat, so wird klar, daß
heutigestags die Bedienung derselben viel Aufmerksamkeit, Sachkenntnis, starke Nerven
und nicht selten große Geistesgegenwart erfordert.
Endlich sei noch angedeutet, daß man sich in der Neuzeit bemüht, die sogenannten
störenden Bewegungen der Lokomotive, das Schlingern, Wogen, Wanken, Nicken u. s. w.
durch zweckentsprechende Bauart, sowie sorgfältigere Ausgleichung der bewegten Triebwerks
teile durch Gegengewichte in den Rädern u. s. w. möglichst einzuschränken, um dadurch die
Sicherheit des Fahrens zu erhöhen und die Radreifen, vor allem auch das Gleis mehr
zu schonen. Auch hierfür bietet die oben erörterte viercylindrige Lokomotive den anderen
Arten gegenüber mehrfache Vorteile.
Die vorstehenden beigefügten Abbildungen bieten einen lehrreichen und bemerkens
werten Vergleich nicht nur zwischen einst und jetzt, sondern auch zwischen den Aus
führungen, die sich in den betreffenden Ländern allmählich ausgebildet haben.
Das Endergebnis dieses Vergleichs gipfelt in der erneuten Erkenntnis, daß seit der
ersten Trevithikschen Lokomotive in allen Eisenbahnländern rastlos und emsig die Ent
wickelung dieses modernen Kulturträgers gefördert ist. Nicht mühelos entstand das heute
so vollkommen durchgebildete Dampfroß, sondern nur durch ununterbrochene Arbeit
nicht eines einzelnen Mannes, vielmehr einer gewaltig großen Schar von Ingenieuren
aller Eisenbahnländer.