262 Zwanzigstes Buch. Zweites Kapitel.
besseren Vergangenheit gegen Alamodetum und Fremdsüchtelei
wie heimischen Sittenverfall wendet: allein der literarisch⸗
formelle Zusammenhang mit den großen satirischen Erscheinungen
des 16. Jahrhunderts ist nur noch lose. Soweit aber die
Psychologie in Betracht kommt, so geht Logau nur in sehr
geringem Grade über das 16. Jahrhundert hinaus. Was er
uns verrät, das sind zum großen Teile die an anderen ge⸗
machten Erfahrungen, und namentlich die Beobachtungen des
Hofmannes spielen da eine Rolle; die Erfahrungen des Herzens
dagegen, die Kundgebungen subjektiver Selbstbeobachtung fehlen.
So sind denn die Gegenstände der meisten Gedichte mehr
sozialer als persönlicher Natur, und dem entspricht eine sar—
kastische und satirische, bis zu vollem Pessimismus hingetriebene
Malerei ohne tiefen Horizont; im günstigsten Falle hören wir
prächtige politische und gesellschaftliche Wahrheiten, und ihre
Objektivität erlaubt noch die Aussprache im Witz, in der sym—
bolischen Umschreibung, ja gelegentlich in der uralten Hülle des
Rätsels. Dabei mag Logau zur Entschuldigung dienen, daß
es ihm mit seiner Voesie überhaupt nicht so übermäßig
Ernst war:
Ich schreibe Sinngedichte: die fordern nicht viel Weile
(Mein andres Tun ist pflichtig), find Töchter freier Eile.
Wußte er zugleich, daß er in gewissem Sinne der letzte einer
langen Reihe war? In der Tat ging mit ihm die alte Satire
zu Ende. Wir werden zwar sehen, daß einige ihrer Elemente in
der neuen Form des volkstümlichen Romans fortlebten, und
daß auch dem 18. Jahrhundert eine zahme bürgerliche Satire
nicht versagt war —, lange dauerte es, ehe dieser kräftige Zweig
unserer Literatur, dessen erster Sproß bis ins 12. Jahrhundert
zurückgeht, vollends abstarb. Aber im ganzen stehen wir schon
letzt in den Zeiten einer traurigen Krise; selbst Logau ist bald
vergessen worden: schon das 18. Jahrhundert kannte sogar seinen
Namen nicht mehr, und Lessing und Ramler haben 1759 sein
Andenken auf dem künstlichen Wege literarischer Ausgrabung
erneuern müssen.