Contents: 10 Jahre Wiederaufbau

Hainisch zu begrüßen, mit welchem ihn alte Bezie- 
hungen aus der Studienzeit verbanden. Der Begeg- 
nung der beiden Präsidenten wohnte der tschechoslo- 
vakische Außenminister Dr. Beneg& und der öster 
teichische Bundeskanzler Schober bei. Die Notwen 
digkeit gemeinsamer. Aufbauarbeit auf der Basis der 
durch die Neuordnung in Mitteleuropa gegebener. 
Tatsachen trat in den Gesprächen in Hallstatt‘ stark 
in den Vordergrund. Die Befreiung des zwischenstaat- 
lichen Verkehrs von den Beschränkungen, unter dener 
seine Entwicklung litt, wurde als Ziel der beider- 
seitigen Handelspolitik erkannt. Nachdem sich der 
österreichische Bundeskanzler und der tschechoslovaki- 
sche Außenminister im September in Hainburg neuer- 
lich getroffen hatten, bei welcher Gelegenheit haupt- 
sächlich die Lage im Burgenland besprochen wurde, 
begab sich der Bundespräsident in Begleitung 
des Bundeskanzlers am 14. Dezember zum Besuch de: 
Präsidenten der Tschechoslovakischen Republik nach 
Lana bei Prag. Dieser Besuch bot Gelegenheit zur 
eingehenden Besprechung jener Maßnahmen, welche 
von beiden Seiten zur Wiederaufrichtung der wirt- 
schaftlichen Verhältnisse in Zentraleuropa als erforder- 
lich erkannt wurden. Ueberdies wurde ein politischer 
Abkommen unterzeichnet, in welchem nebst gegen- 
Seitiger Gebietsgarantie und dem Versprechen eineı 
neutralen Haltung, im Falle einer der beiden Staater 
angegriffen würde, eine Zusammenarbeit zur Verhin- 
derung aller Versuche der Wiederherstellung des alten 
Regimes vorgesehen und ein Schiedsverfahren_verab- 
a wurde. Außerdem wurden zahlreiche Viandels- 
irtschafts- und finanzpolitische Fragen geregelt. Die 
I’schechoslovakei gewährte einen Regierungskredit von 
500 Millionen Tschechokronen}) und die Ratifizierung 
der Beschlüsse der Konferenz von Portorose wurde 
beschlossen, welche kurz vorher getagt hatte und aul 
welcher die Nachfolgestaaten über die Befreiung des 
Handels und des Verkehrs auf dem Gebiete der ehe- 
maligen Monarchie von den schwersten Aufihm-hasten- 
dem Hemmnissen beraten hatten. 
Auch im übrigen wurden die handelspolitischen 
Bemühungen der österreichischen Regierung während 
des Jahres 1921 fortgesetzt, ein neuer Handelsvertrag 
mit Jugoslawien stand in Beratung, ein neuer Ver- 
trag mit Rumänien wurde paraphiert,/Trotz alledem 
blieb die wirtschaftliche Situation Oesterreichs in 
höchstem Maße unbefriedigend. Die Absperrung von 
den altgewohnten Märkten und KRohstoffquellen, 
welche trotz aller Bemühungen immer noch nicht 
wirksam abgebaut werden konnte, verhinderte im 
Verein mit dem drückenden Kapitalsmangel und der 
durch den Krieg und die Nachkriegszeit erfolgten 
Verschlechterung des gesamten Produktionsapparates 
den wirtschaftlichen Wiederaufstieg des Landes. Die 
Stets fortschreitende Krankheit des wirtschaftlichen 
Organismus konnte an dem steten/Niedergang der 
Währung und an dem Steigen der Devisenkurse 
gleichwie an einem Fieberthermometer gemessen 
werden. Immer allgemeiner wurde die Ueberzeugung, 
daß das durch den Friedensvertrag: von St. Germain 
geschaffene Oesterreich trotz allen Anstrengungen und 
allen Entbehrungen nicht leben könne. 
Diesen Tatsachen gegenüber wurde vornehmlich 
von französischer Seite in jenen Jahren unter dem 
Schlagwort „Donauföderation” ein wirtschaftlicher 
Zusammenschluß der kleineren Nachfolgestaaten pro- 
„agiert. Als7? go einleuchtend eine solche Lösung 
vom rein wirtschaftlichen Standpunkte aus auch er- 
scheinen mochte, so völlig ungangbar war sie in 
olitischer Hinsicht. Viel zu stark waren die durch 
den Zusammenbruch der alten Monarchie frei gewor- 
denen nationalen Kräfte in allen in Betracht kom- 
menden: Staaten) fiel zu unangenehm wurde in ein- 
zelnen von ihnen alles, was an die frühere Gemeinsam- 
keit erinnerte, empfunden, als daß sie bereit gewesen 
wären, auch nur einen Bruchteil ihrer wirtschaftlichen 
oder politischen Selbständigkeit aufzugeben. Dazu 
Kam noch, daß von Italien stärkste Gegnerschaft gegen 
einen solchen Zusammenschluß der Donaustaaten zu 
erwarten war Zn österreichischen Volk selbst wurde 
ein anderer Weg als der einzige bezeichnet, der 
Oesterreich . aus seiner tödlichen Isolierung führen 
könne: der Anschluß an das Deutsche Reich. 
Nicht mehr bloß ideelle und historische Momente 
wie im November 1918 waren es, die in unserer Re- 
»ublik in den nachfolgenden Jahren eine immer 
stärkere Bewegung zugunsten des Anschlusses an 
Jeutschland erzeugten. Der Anschlußgedanke zog 
mmer weitere Kreise in seinen Bann und führte 
schließlich sogar zu Volksabstimmungen in 
szinzelnen Bundesländern, bei welchen die Ver- 
sinigung mit Deutschland nahezu einstimmig 
zefordert wurde. Die Regierung hat weder an der 
Entstehung noch an der Leitung dieser Bewegung 
Anteil genommen. Die nüchterne Erkenntnis der 
politischen Lage verbot ihr ein solches Vorgehen und 
bewog sie, die von den Westmächten geforderte 
Politik der Bewahrung der Selbständigkeit Oester- 
‚eichs fortzuführen. Sie war sich ebenso wie die ganze 
übrige Welt allerdings bewußt, daß ein Erfolg auf 
liesem Wege von dem Einlangen der schon in der 
Vlantelnote zum Friedensvertrage und seither noch 
oft versprochenen Auslandshilfe abhänge. 
Diese Hilfe aber verzögerte sich von Monat zu 
Monat. Der ursprüngliche Plan der Reparationskom- 
mission, der die Gewährung eines großen Sanie- 
rungskredites unmittelbar durch die alliierten 
Regierungen vorsah, wurde im Jänner 1921 von den 
Alliierten zurückgestellt. Vorerst sollten die Möglich- 
keiten der Erwirkung von Privatkrediten geprüfl 
werden. Die Bundesregierung, welcher es sich weit 
mehr um die Beschleunigung des Finfließens der aus- 
:ändischen Gelder handelte, als darum, wer den Kredit 
arteilte, hatte bereits zu Beginn des Jahres 1020 die 
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