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Zweites Buch. Die Gegner.
Man kann daher die Lehre Cakey’s nicht unmittelbar auf den Einfluß
List’s zurückführen. Hat List nun größeren Einfluß auf die europäischen
Doktrinen ausgeübt?
Ohne Zweifel hat er viele Freihändler, unter denen der bedeutendste
Stuart Mill ist, dazu gebracht, die Idee eines zeitweiligen Schutzzolles
für entstehende Industrien zuzulassen 1 ). Ihr Zugeständnis ist jedoch
ziemlich platonisch, da es in den alten Ländern, deren industrielle Er
ziehung abgeschlossen ist, keine Bedeutung hat und sich höchstens für
neue Länder nützlich erweist.
Können sich nun die modernen Schutzzöllner mit Recht auf List
berufen ?
Es ist nicht immer leicht, — da kein Werk vorhanden ist, das ihre
Ideen systematisch darlegt, — diese Ideen aus der Unmasse von Auf
sätzen, Reden und Broschüren, in denen sie sich zerstreut finden 2 ), aus
zusondern. Wenn man die beiseite läßt, die sich darauf beschränken, die
merkantilistische Theorie der Handelsbilanz zu wiederholen 3 ), so scheint
0 Vgl. die lange Stelle der Principles, B.V, Kap. X, §1, die wie folgt beginnt:
„Der einzige Fall, in dem, nur auf Grund der Prinzipien der Volkswirtschaftslehre,
Schutzzölle verteidigt werden können, ist der, in dem sie zeitweilig eingeführt werden
(besonders von einer jungen und fortschreitenden Nation), in der Hoffnung, eine aus
ländische Industrie einzubürgern, die an und für sich durchaus den Bedingungen des
Landes angepaßt ist. Die Überlegenheit eines Landes über ein anderes kommt oft
nur davon her, daß es früher angefangen hat ...“ usw. Doch erwähnt Stuart Mn*
List nicht, und man darf sich fragen, ob die erwähnte Stelle wirklich auf dessen Einfluß
zurückzuführen ist.
2 ) Cauwes muß besonders betrachtet werden, dessen Protektionismus im Gegen
teil als eine höchst rationelle Anpassung einer Idee List’s betrachtet werden kann,
nämlich: der Überlegenheit der Nationen mit hochentwickeltem Wirtschaftsleben.
Es ist das das einzige wirtschaftliche System des Schutzzolls, das wir heute kennen.
Doch muß zugegeben werden, daß die Mehrzahl der schutzzöllnerischen Schriftsteller
sich nur recht lose mit dem Standpunkt ÜAuwks in Verbindung bringen lassen. Vgl-
seinen Cours d’ßconomie Politique, 3. Ausg., Bd. III.
3 ) Wie z. B. die Volkswirtschaftler, die beständig von dem „Handelsdefizit“
sprechen, d. h. von der ungünstigen Handelsbilanz. Trotz der zahlreichen Wider
legungen dieses Argumentes wird es doch oft als eine selbstverständliche Wahrheit
angeführt. Auch List hatte die übertriebene Gleichgültigkeit der Schule gegenüber dem
Gleichgewicht der Ein- und Ausfuhr kritisiert. Doch tat er es nicht auf Grund der
merkantilistischen Theorie der Handelsbilanz, die er im Gegenteil als abgetan ansieht
(vgl. S. 393, 401 u. 405). Er stellt sich vielmehr auf einen besonderen Standpunkt:
den Geldstandpunkt. Wenn, sagt er, eine Nation viel einführt und auf der anderen
Seite nicht entsprechende Warenmengen ausführt, kann sie dazu gezwungen werden,
als Zahlung Edelmetalle liefern zu müssen, deren Abfluß bei ihr eine Geldkrise herbei
führen kann. Die Gleichgültigkeit der Schule mit Hinsicht auf die mehr oder weniger
große Menge Geldes ist daher übertrieben (B. II, Kap. XXIII). Wie man weiß, IS
gerade die Diskontopolitik der großen Zentralbanken heute darauf gerichtet, den
vorübergehenden Spannungen des Geldmarktes, die auf übertriebenen Einfuhren
beruhen, zu begegnen und diese Methode ist selbstverständlich bei weitem wirksame
als der Protektionismus.