Full text: Wirtschaftsführung und Finanzwesen bei den englischen Eisenbahnen

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Vorwort 
weit anders als bei uns der privatwirtschaftliche Gedanke entwickelt 
ist. Zunächst muß gesagt werden, daß die Rücksicht auf den finan- 
ziellen Erfolg des Geschäftsjahres alles beherrscht. Die Frage der 
Dividende steht stets im Vordergrund und spielt für viele Maß- 
nahmen die entscheidende Rolle. Nicht zum wenigsten mit dem 
Streben nach einer gleichmäßig guten Dividende hängt es zusammen, 
daß die englischen Eisenbahnen so großen Wert auf Ansammlung 
von Ziquiden Rückstellungen legen, einen Punkt, dessen Wichtigkeit 
ich nicht genug hervorheben kann. Dies vor allem gibt ihnen, 
wie die Erfahrung gezeigt hat, die nötige Stärke und ermöglicht 
eine erfolgreiche Wirtschaft in guten und schlechten Zeiten. 
Die Dividendenfrage ist zugleich auch von besonderer Wichtig- 
keit für das Verhältnis der Gesellschaften zur Öffentlichkeit. Während 
bei uns in der kritischen Beurteilung der Eisenbahnen im wesentlichen 
zwei Gruppen hervortreten, diejenige, die auf billige Tarife ausgeht, 
und diejenige, die das Personal in der Erfüllung seiner Wünsche 
auf Erhöhung der Bezüge unterstützt, gibt es in England noch eine 
wichtige dritte Gruppe, die an einer Erstarkung der Gesellschaften 
ein eigenes Interesse hat, die der Aktionäre und der Schuldver- 
schreibungsinhaber, Die Aktien, Vorzugsaktien und Schuldver- 
schreibungen befinden sich im ganzen Lande zerstreut in sehr vielen 
Händen. Eisenbahnpapiere werden wegen der verhältnismäßigen 
Sicherheit, die sie gewähren, vielfach gerade von den kleineren und 
kleinsten Kapitalisten gerne gekauft. Hieraus erklärt sich wohl 
in erster Linie das außerordentliche Interesse der Öffentlichkeit an 
den finanziellen Ergebnissen der Eisenbahnen. Diese Gruppe 
der Aktionäre und Schuldverschreibungsinhaber bildet ein wirk- 
sames Gegengewicht gegen die Anforderungen, die auch in England 
von den beiden anderen Gruppen mit demselben Nachdruck wie 
anderwärts gegen die Gesellschaften erhoben werden. 
Der privatwirtschaftliche Gedanke zeigt sich in England weiter 
darin, daß die Eisenbahnen stets versuchen, Verdienste, die mit 
ihrem Geschäft zusammenhängen, selbst zu machen. Daher spielen 
die Nebenbetriebe — Hotels, Speisewagen und Bahnhofswirtschaften 
in eigener Verwaltung, Dampfer, Kanäle, Häfen, Lagerhäuser, 
Docks — eine so bedeutende Rolle. Auch die Zufuhr der Güter 
im Pferde- und Kraftwagenbetrieb haben die Eisenbahnen in der 
Hand behalten. Die Reklame wird — gewiß nicht mit dem Erfolg 
einer Verschönerung der Bahnhöfe — in ganz anderem Umfange 
ausgenutzt als in Deutschland. Sehr wichtig in diesem Zusammen- 
hang ist ferner der Umstand, daß die Gesellschaften alles, was sie 
brauchen, soweit nur immer möglich, selbst herstellen und selbst 
verarbeiten. Eigene Herstellung der Fahrzeuge, der Werkstoffe
	        
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