Abschnitt 1.
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ebensogut sagen, es fängt dort erst seine Bewegung an. Dieser
Gedanke aber liegt im Jenseits jener Selbstverständlichkeiten, als
ihre gemeinsame, unentratbare Voraussetzung; er bleibt daher dem
herkömmlichen Denken im Wesen unzugänglich.
Nun, da er ein erstes Mal zur Aussprache gekommen, kann dieser
Gedanke einen zweifachen und dabei ganz verschiedenen Eindruck
wachrufen. Es ist einmal schon möglich, daß in diesem Gedanken
wieder nur ein überaus platter Gemeinplatz ersehen wird; etwas, was
sich doch ganz und gar von selber verstünde. Darin läge nun für den
Standpunkt dieser Untersuchung offenbar kein Vorwurf; und es würde
dies einfach besagen, daß die herkömmliche Anschauung nicht damit
schon an sich selber irre wird, sobald man ihr gleichsam einen
Spiegel vorhält, sie in ihren eigenen Folgerungen sich beschauen laßt.
Es ist aber auch der Gegenfall möglich: Die herkömmliche An
schauung könnte in der Tat unter den vorliegenden Verhältnissen an
sich selber irre werden. Denn jene vier Gedanken, aus denen ich den
fraglichen gefolgert habe, gelten ja nicht mit der vollen Befugnis letzter
Wahrheiten für selbstverständlich; vielmehr nur in dem fadenscheinigen
Sinne, daß sie unbesehen hingenommen werden. Sie sind nur
im Sinne eines bisher unerschütterten Glaubens von der herkömm
lichen Anschauung getragen. Die letztere aber könnte jetzt nur zu
leicht — auf plötzlich auftauchende Selbstzweifel hin — sich in zwölfter
Stunde umbilden wollen. Indem sie sich damit selber verleugnet, ver-
leugnete sie auch die Folgerungen, die ihrer bisherigen Gestalt gemäß
sind. Und unsere Untersuchung könnte dann zum mindesten dem Vor
wurf begegnen, daß sie offene Türen einrenne; daß sie Dinge erst
umständlich zu kritisieren sich anschicke, an die ohnehin niemand
glaube.
Ich trete deshalb unverweilt den Beweis für diesen Gedanken an.
Es soll aber nicht etwa bewiesen werden, daß er von wahrem Inhalte,
für sich ein richtiger sei; seine eigene Gültigkeit bleibt vielmehr noch
gänzlich dahingestellt. Für den Augenblick ist nur der Nachweis zu
führen, daß ein Gedanke dieses, und gen%u dieses Inhaltes in der Tat
die Rolle spiele, die ich dem fraglichen Gedanken zugesprochen habe:
als unentratbare Voraussetzung für Gedanken, welche dem her
kömmlichen Denken über die „Wertlehre“ für selbstverständlich gelten,
eine verborgene Grundlage dieses herkömmlichen Denkens zu
sein. Ob er für sich selber nun wahr oder falsch sei: in dieser
Hinsicht wenigstens erweist sich dieser Gedanke von tatsächlichem
Charakter und ist kein bloßes Hirngespinst und nicht aus der Luft
gegriffen. Und dafür ist nun der Beweis zu erbringen.