242 VII. Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts
auch die Zirkelgesellschaft erst der Mitte des 14. Jahrhunderts ihre Entstehung verdankt,
so halte ich es doch für sehr wahrscheinlich, daß die Gründerunternehmer selbst und ihre
Nachfahren unter sich so eng zusammenhingen, daß man hier von einem von Anfang
der Stadt an bestehenden Patriziat sprechen kann, einem Patriziat, dessen älteste Organi-
sation einmal die ‚„„‚Unternehmergilde‘“ gewesen sein wird (vgl. Hist. Vtjschr. Band 22,
S. 520, Anm. 1). Jenes „zweite“ Patriziat, das sich in der Zirkelgesellschaft organisiert,
geht, was die Begründung seiner wirtschaftlichen Macht angeht, auf eine Schicht zurück,
welche das ‚erste‘ Patriziat um die Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert als solches
zerstört hat, mochten sich auch einzelne Glieder von ihm nach einer wirtschaftlichen
Umstellung in das neue hinübergerettet haben. Es gleicht ihm aber vor allem darin, daß
es sich dieselbe Vorherrschaft im städtischen Grundbesitz zu verschaffen weiß; soweit
es diese nicht bereits durch den blutmäßigen Zusammenhang mit den Unternehmer-
‚amilien besitzt. Jedenfalls ist es nützlich, auch in Hinsicht auf neueste an sich verdienst-
volle Untersuchungen über das Patriziat einzelner Städte (z. B. von Soest) an zwei Sätze
aus L. Ohlendorf, Das niedersächsische Patriziat, 1910, S. 2, zu erinnern: „Die Frage
ist, ob dies Patriziat durch die Jahrhunderte hindurch einen sich gleichbleibenden, in
seinen Elementen homogenen Stand gebildet hat. Sie ist entschieden zu verneinen.“
37) Vgl. hierzu oben S. 162ff.
3) Ich erinnere an das Aufkommen der Fahrerkompanien. Nachdrücklich weist von
Below, Probleme, S. 347 darauf hin, daß es vor 1378 keine Kauffahrerkompanien in
Lübeck gab. Aber die Vorstellung, als ob das Aufkommen der Fahrerkompanien erst als
Anzeichen für großhändlerische kaufmännische Betätigung gewertet werden könne,
vermag ich nicht zu teilen. Die jetzt quellenmäßig nachgewiesenen Träger des Groß-
handels gehen rund 100 Jahre weiter zurück, als es Fahrerkompanien gibt. Die ersten
Träger des Großhandels in Lübeck waren nicht die Mitglieder dieser Kompanien, sondern
in der Regelung ihres Betriebes durch Korporationsverpflichtungen ungebundene Einzel-
kaufleute. Im Gegensatz zu der üblichen Anschauung erblicke ich in dem Aufkommen
dieser Organisationen bereits ein Zeichen des Niederganges (vgl. oben S. 152). Wenn in
der Forschung diese als Großhändler anzusprechenden Einzelkaufleute so gut wie unbe-
kannt geblieben sind, so liegt das mit daran, daß Korporationsmitglieder quellenmäßig
viel leichter zu erfassen sind, als es möglich ist, die kaufmännische Tätigkeit einer größeren
Zahl von Einzelkaufleuten so einwandfrei und umfassend nachzuweisen, daß man nicht
mehr in Versuchung kommt, sie mit Sombart entweder als Gelegenheitshändler oder als
Kaufleute handwerkmäßiger Prägung auszuscheiden. Einstweilen bitte ich vergleichen
zu wollen, was über Hermann Warendorp bei E. F. Fehling, Nr. 345, gesagt werden
konnte, und was ich über dieselbe Person oben S. 176 ff. mitgeteilt habe, und man wird
ainen Begriff davon gewinnen, ein wie weit eindringlicheres Bild von Kaufleuten des
14. Jahrhunderts gegenüber der bisherigen Kenntnis zu gewinnen ist. Den weitumfassen-
deren Nachweis muß ich mir für mein Lübeckbuch aufsparen.