Object: Einführung in das Studium der Konjunktur

242 Vierter Abschnitt. Konjunkturprognose und Konjunkturpolitik. 
das früher 60 Pfennige, ja sogar 55 Pfennige kostete. Das ist eine 
20 000 fache Erhöhung, die weder durch die Rohmaterialien, noch 
durch die Löhne bedingt ist. Wir stehen auf dem Standpunkt, daß 
ein Preis von etwa 8000 Mark vollständig genügen würde, tun den 
Herstellern einen angemessenen Gewinn zu sichern !).“ 
Ein solches Vorgehen war doppelt bedenklich, wo damals unsere 
Industrie hart um den Absatz nach dem Auslande zu kämpfen hatte. 
Denn mit solchen Rohstoffpreisen müssen auch die Preise der deut 
schen Fabrikate bedenklich nahe an den Weltmarktspreis heran 
rücken, womit ein ungünstiger Einfluß auf unsere Ausfuhr und damit 
auf die deutsche Handelsbilanz entsteht. Damit mußte sich nicht 
nur unsere Konjunkturlage verschlechtern, sondern damit wurde auch, 
wie wir oben gesehen haben, ein ungünstiger Einfluß auf unsere 
Valuta ausgeübt. 
Freilich darf man auch nicht daran vergessen, daß unsere festge 
fügten und stark organisierten Kartelle immer nur einen Teil der deut 
schen Industrie umfassen, vor allem die Unternehmungen der Schwei*- 
induslrie, während die Kartellorganisationen der sogenannten leichten 
Industrie, d. h. derjenigen Industrien, welche keine Stapelartikel, 
sondern mehr Fertigfabrikate fabrizieren und vor allem solche, welche 
der Mode unterworfen sind, nur auf recht unsicherem und schwachem 
Boden stehen. Damit hängt es dann wieder zusammen, daß der Ein 
fluß der Kartelle auf die Konjunkturentwicklung, vor allem auf den 
Gang der Hochkonjunktur, nur ein beschränkter sein kann. Immer 
hin ist demgegenüber aber wieder zu betonen, daß die Ausschrei 
tungen in der Hochkonjunktur, wie sich solche bei Neugründungen, 
Betriebserweiterungen und in der Preisentwicklung auf den unteren 
Stufen der Produktion zu zeigen pflegen, vornehmlich in der Kohlen- 
und Eisenindustrie auftreten. Hier zeigen sich auch die ersten 
Symptome eines beginnenden Wandels der Konjunktur und hier 
sind auch die Kartelle und Syndikate am stärksten und mächtigsten. 
Man darf demgegenüber aber dann auch nicht aus dem Auge 
verlieren, worauf besonders Pinner aufmerksam gemacht hat, daß 
wir mit der Tendenz rechnen müssen, daß zwar aus den genannten 
Gründen die kartellierten Industrien mehr oder weniger vor stärkeren 
Schwankungen der Konjunktur geschützt sind, daß hier also viel 
leicht die Krisengefahr im Zurückgehen begriffen ist, daß sie aber 
in den weiterverarbeitenden Industrien, die nicht durch Kartelle ge 
schützt sind, und auf welchen der Druck hoher Rohstoffpreise lastet, 
dafür um so größer werden kann. Pinner glaubt sogar für diese 
*) Frankfurter Zeitung: 18. März 1923.
	        
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