Reden während des Festessens der Friedrich List-Gesellschaft.
(ungefährer Wortlaut)
ı, Rede des Staatsministers a. D. Präsidenten des Rechnungshofes
Saemisch-Berlin:
Hochansehnliche Versammlung!
Friedrich List, ein Name von tonreichstem Klang! Der Name eines
Mannes, der von einer unerhörten Vielseitigkeit wissenschaftlichen Arbeitens
und praktischen Wirkens auf den verschwisterten Gebieten der
Nationalökonomie und Politik gewesen ist.. Zugleich der Name eines’ Mannes,
der in seiner Zeit richtunggebend war für die tatsächliche Entwicklung
eigenstaatlicher wie zwischenstaatlicher Wirtschaftsgebarung. Dann
aber leider auch der Name eines Mannes, der — wie es so herb nur einem
ganz Großen bestimmt sein konnte — dem schwersten Schicksal, dem des
Verkanntwerdens, den bittersten Tribut gezollt hat. Wir neigen uns vor
dem Genius und vor dem Schicksal Friedrich Lists.
Friedrich List zugleich aber auch ein Programm. Ein Programm zunächst
in dem unmittelbaren praktischen Sinn der Aufgabe unserer Gesellschaft.
Die längst angestrebte, bisher nie verwirklichte Gesamtausgabe
seiner Werke bedeutet indessen mehr, als der Wortlaut unseres Aufrufes
und Einladungsschreibens besagt. Gewiß, es ist die Abtragung einer
Dankesschuld an den Mann, .der neben Arndt der früheste Vorkämpfer
deutscher Einheit war, der für die Vorbereitung der deutschen Zolleinheit
Entscheidendes geleistet, der die Wege der Selbstverwaltung wie die der
Bildung von Wirtschaftsverbänden gewiesen, der das Eisenbahnwesen wie
die Seegeltung praktisch aufs wirksamste gefördert hat. Unser Wirken
erstrebt aber mehr als die Abtragung einer Dankesschuld an Fr. List;
es umschließt zugleich den größten Dienst, den die Wissenschaft sowohl
sich selbst wie allen denjenigen leisten kann, die um die geisteswissenschaftliche
Begründung für das ihnen obliegende praktische Handeln auf
dem Gebiete der Wirtschaftspolitik im weitesten Sinne des Wortes ringen.
Gewiß, die achtzig Jahre, die seit dem Tode Lists verstrichen sind,
haben in den Gegebenheiten des wirtschaftlichen Lebens gewaltige Verschiebungen
gebracht und haben auch Kräfte, Gesichtspunkte und Betrachtungsweisen
gezeitigt, die damals noch im Hintergrund standen. Dadurch
ist aber der objektive Wert der Listschen Gedankengänge höchstens
verschoben, nicht vermindert worden, und gerade die bisher nicht
veröffentlichten, neuen Schriften Friedrich Lists werden, — das ist unsere
feste Überzeugung, — die starke Bedeutung Friedrich Lists für unsere
Gegenwart und Zukunft erweisen.
So ist es nicht unfruchtbarer Historismus, sondern lebendiges Vorwärtsstreben,
das uns veranlaßt hat, bei dieser Tagung erstmalig den Ruf
in weitere Kreise zu tragen: unterstützt mit allen Kräften den Plan unserer
Gesellschaft. Daß Sie, meine hochverehrten Herren, diesem Rufe
gefolgt sind, ist ein Beweis, daß auch Sie die Dankesschuld mit uns empfinden
und tragen wollen. Möge dieses festliche Zusammensein aber auch
insbesondere der Ausdruck dafür sein, daß wir Verständnis gefunden
haben mit unserer Auffassung von der Fruchtbarkeit und dem Segen,
der für Völker und Volksgemeinschaften aus dem unbeirrbaren Geiste
wissenschaftlicher Erforschung der wirtschaftlichen und politischen Lebensbedingungen
und Lebensmöglichkeiten entspringt. In diesem Sinne