Full text: Dem Reichsverband der deutschen Volkswirte (R. D. V.) zur Feier seines 25jährigen Bestehens zu Berlin im Februar 1927 gewidmet von der Friedrich List-Gesellschaft

Richtung ist die agriculture isolee eine radikalisierte Konstruktion aus 
der Anschauung Lists von den Übelständen in industriearmen Landes- 
teilen des südlichen Deutschlands; das was List in der Jugend als 
württembergischer Beamter über die Not der Zwergbauern erfahren 
hat, klingt mit an75, deren soziale Lage List später in dem Satz „Kar- 
toffel bauen und Kartoffel essen‘ zusammengefaßt hat. 
Daß Landbau ohne Fabriken eine condition miserable sei76, ist der 
Sinn dieser Setzung; die erste Stufe steht außerhalb der eigentlichen 
Entwicklungslehre, denn der bloße Ackerbau hat in sich selbst keine 
Tendenz zum Fortschritt, ist nach List, wenn sich. selbst überlassen, 
ein ewig gleichbleibender geschichtsloser Zustand. Mit der fehlenden 
Freiheit der Individuen schlummert die geistige Entwicklung und so- 
gar die moralischen Kräfte, die physische Gewalt allein herrscht77. Als 
bloßer logischer Ansatzpunkt erweist sich die agriculture isolee auch 
darin, daß dieser Stufe innerhalb einer Theorie von aufeinanderfol- 
genden zollpolitischen Systemen selbst keinerlei Zollmaßregeln eignen. 
Die zweite Stufe. 
Sie zerfällt, wie schon gesagt, in zwei getrennte Hälften, die im 
Nationalen System als zwei Stufen gezählt werden. Wie kommt es in 
dem geschichtslosen, „rohen Landbau“ zur Entwicklung? Auch hier 
darf man keine historische Schilderung einer Frühen wirtschaftlichen 
Wirklichkeit erwarten, sondern ein erster rationaler Faktor tritt zur 
agriculture isolee: der Außenhandel; und zwar in Gestalt der Handels- 
verbindung mit einem idealen Manufakturland, das eine voll ausgebil- 
dete moderne Industrie besitzt. Das gegenwärtige England tritt mit 
einer gewerbslos gedachten Ostseeprovinz in Beziehung. 
Das zweite Kapitel beginnt: „Tout change l’aspect dans l’agriculture 
aussitöt que le commerce &tranger apporte dans le pays les produits 
manufactures et prend en Echange les productions du sol“. 
Durch die Nachfrage nach Rohstoffen und Produkten entsteht im 
Landbau eine lohnende Differenzierung der Kulturen, somit Arbeits- 
teilung und höhere Gewinne, unterstützt durch Einfuhr von Maschi- 
nen und Übernahme neuer Erfindungen und Techniken. Alle Schäden 
der ersten Periode beginnen zu schwinden; durch den beiderseits ge- 
winnbringenden Austausch nimmt die Kapitalbildung ihren Anfang 
und durch die Konsumanreize der fremden Einfuhr entstehen die 
ersten einfachen Gewerbe. 
Völliger gegenseitiger Freihandel ist in der zweiten Periode Gebot, 
es ist ein Zustand der Allianz zwischen dem Agrikulturlande und den 
Manufakturen des Industrielandes. „C’est le temps ol tous les habi- 
tants du pays, les agriculteurs est les manufacturiers comme les nego- 
clants sont d’accord ä l’&gard de la libert& commerciale, c’est l’äge 
d’or de Ja devise: 
Laissez faire et laissez passer.“ 
Auch diese Stufe ist kein deskriptiver historischer Typenbegriff, 
sondern eine aus dem Text deutlich zu erkennende normative Kon- 
struktion (so die nach ihrer historischen Herkunft eindeutige For- 
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