Richtung ist die agriculture isolee eine radikalisierte Konstruktion aus
der Anschauung Lists von den Übelständen in industriearmen Landesteilen
des südlichen Deutschlands; das was List in der Jugend als
württembergischer Beamter über die Not der Zwergbauern erfahren
hat, klingt mit an75, deren soziale Lage List später in dem Satz „Kartoffel
bauen und Kartoffel essen‘ zusammengefaßt hat.
Daß Landbau ohne Fabriken eine condition miserable sei76, ist der
Sinn dieser Setzung; die erste Stufe steht außerhalb der eigentlichen
Entwicklungslehre, denn der bloße Ackerbau hat in sich selbst keine
Tendenz zum Fortschritt, ist nach List, wenn sich. selbst überlassen,
ein ewig gleichbleibender geschichtsloser Zustand. Mit der fehlenden
Freiheit der Individuen schlummert die geistige Entwicklung und sogar
die moralischen Kräfte, die physische Gewalt allein herrscht77. Als
bloßer logischer Ansatzpunkt erweist sich die agriculture isolee auch
darin, daß dieser Stufe innerhalb einer Theorie von aufeinanderfolgenden
zollpolitischen Systemen selbst keinerlei Zollmaßregeln eignen.
Die zweite Stufe.
Sie zerfällt, wie schon gesagt, in zwei getrennte Hälften, die im
Nationalen System als zwei Stufen gezählt werden. Wie kommt es in
dem geschichtslosen, „rohen Landbau“ zur Entwicklung? Auch hier
darf man keine historische Schilderung einer Frühen wirtschaftlichen
Wirklichkeit erwarten, sondern ein erster rationaler Faktor tritt zur
agriculture isolee: der Außenhandel; und zwar in Gestalt der Handelsverbindung
mit einem idealen Manufakturland, das eine voll ausgebildete
moderne Industrie besitzt. Das gegenwärtige England tritt mit
einer gewerbslos gedachten Ostseeprovinz in Beziehung.
Das zweite Kapitel beginnt: „Tout change l’aspect dans l’agriculture
aussitöt que le commerce &tranger apporte dans le pays les produits
manufactures et prend en Echange les productions du sol“.
Durch die Nachfrage nach Rohstoffen und Produkten entsteht im
Landbau eine lohnende Differenzierung der Kulturen, somit Arbeitsteilung
und höhere Gewinne, unterstützt durch Einfuhr von Maschinen
und Übernahme neuer Erfindungen und Techniken. Alle Schäden
der ersten Periode beginnen zu schwinden; durch den beiderseits gewinnbringenden
Austausch nimmt die Kapitalbildung ihren Anfang
und durch die Konsumanreize der fremden Einfuhr entstehen die
ersten einfachen Gewerbe.
Völliger gegenseitiger Freihandel ist in der zweiten Periode Gebot,
es ist ein Zustand der Allianz zwischen dem Agrikulturlande und den
Manufakturen des Industrielandes. „C’est le temps ol tous les habitants
du pays, les agriculteurs est les manufacturiers comme les negoclants
sont d’accord ä l’&gard de la libert& commerciale, c’est l’äge
d’or de Ja devise:
Laissez faire et laissez passer.“
Auch diese Stufe ist kein deskriptiver historischer Typenbegriff,
sondern eine aus dem Text deutlich zu erkennende normative Konstruktion
(so die nach ihrer historischen Herkunft eindeutige For-4