Full text : Dem Reichsverband der deutschen Volkswirte (R. D. V.) zur Feier seines 25jährigen Bestehens zu Berlin im Februar 1927 gewidmet von der Friedrich List-Gesellschaft

Der erste Begriff.
Lists Systematik basiert zweifellos in einem unentbehrlichen Teile
auf der rationalen Ethik der Wohlfahrt der Menschheit, wie sie das
18. Jahrhundert ausgebildet hat. Der erste rationalistische Begriff der
Nation konstruiert diese als ein bloßes quantitatives Zwischenglied und
als einen zeitweiligen politischen Zustand zwischen individueller Vereinzelung
 und der Vereinigung der Menschheit. „Nous ne considerons
la nationalit6 que comme un degre pour arriver au cosmopolitisme““ 107,
Im siebenten Brief der Outlines wird selbst die schärfste Formulierung
 der nationalen Absonderung ethisch gerechtfertigt mit dem Hinweis,
 daß der Universalstaat, der Ziel- und Quellpunkt des ersten Na-‘jonbegriffes,
 und die allgemeine Wohlfahrt so am schnellsten erreicht
werden. Lists System zerfiele ohne diesen Endbegriff, und in der
Preisschrift verwahrt er sich ausdrücklich dagegen, daß das Proijektionssystem
 die Menschheit endgültig in feindliche Nationen spal-}en
 wolle108, Mit fortschreitender geistiger Aufklärung würden sich
größere politische Gebilde als die gegenwärtigen Nationen bilden; oder
an deren Stelle: Wie infolge des Pulvers aus den Territorialstaaten
sich Nationen zusammengeschlossen haben, so würden neue technische
Erfindungen das Hervorgehen größerer politischer Einheiten erzwingen10%,
 Die systematische Dynamik Lists bezieht ihre letzte Allgemeingültigkeit
 aus diesem rationalistischen Nationbegriffe und der dazu
gehörigen Wirtschaftslehre. Dieser Begriff tritt daher zurück und ist
prinzipiell entbehrlich, wo List auf die Allgemeingültigkeit in der
Aufstellung seiner Lehre verzichten kann — dies ist nach unseren
mehrfachen Ausführungen eben in den Outlines der Fall, nachdem
schon die Schriften des Handelsvereins den nationalen, im Prinzip
stets freihändlerischen Horizont in vollem Umfange verwertet hatten.
Sein Wiederauftreten in den beiden voll ausgeführten Systemen zeigt
seine unentbehrliche Funktion innerhalb der allgemeingültigen Systematik;
 daß er für Lists persönliches „Erleben“ allerdings kaum eine
Rolle spielt, ließe sich durch Heranziehung des gesamten hierher gehörigen
 Materials wohl erweisen.

Der zweite Begriff.
Neben dem rationalistischen Begriff der Nation steht der historische,
 der echt nationale in unserem Sinnell9: Nation als die ewige
Lebens- und Schicksalsgemeinschaft, jede für sich eine spezifische Gegebenheit.
 List „lebt“ in diesem Komplex „Nation‘‘, aus ihm heraus
 fließt die Originalität seines Lebenswerkes, am reinsten und größten
 in den Eingaben des Handelsvereins und in den letzten großen Arbeiten
 des Zollvereinsblattes.
Wieder tritt Nation als schlechthin singulare Einmaligkeit beherrschend
 in den Outlines auf, Selbstbehauptung, Kampf und absolute
Unabhängigkeit sind die oberste Pflicht. List geht bis zur Behauptung,
 daß allgemeine Gesetze der Wirtschaftspolitik bei der Verschiedenheit
 des Landes unmöglich seien: „How wise man can apply

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