230 RELIGIÖSE UND POLITISCHE WERBUNG
schließlich im Dienste der religiösen Idee. Abt Bernhard von
Clairvaux gelang es, im Jahre 1147 durch seine Beredsamkeit
140000 Personen dazu zu bewegen, sich dem Heere für den
2. Kreuzzug anzuschließen. Um die Kraft seiner Rede zu
beurteilen, muß man sich nur vorstellen, was es heißt, in eine
Armee einzutreten mit dem Bewußtsein, mehr als 2 Jahre die
Heimat und die Angehörigen im Stiche zu lassen, einem mehr
als ungewissen Schicksal entgegenzugehen und alles dem
Dienste einer Idee zu opfern. Johannes Huß bereitete ausschließlich
durch seine Propagandareisen von Ort zu Ort in
wenigen Jahren (1409 bis 1415) die große Bewegung zur
Kirchenreform vor. Ähnlich wirkten nach Entdeckung der
neuen Erdteile, dem Beispiel der Apostel folgend, die Missionäre.
Im Dienste der Bewegung der Suffragetten stand
eine ganze Organisation von Wanderrednerinnen, deren
leidenschaftlichen Darlegungen in unzähigen Versammlungen
schließlich auch die Durchsetzung ihres Programmes zuzuschreiben
ist.
Im 19. Jahrhundert, welches mit dem Ausbau der bürgerlichen
Rechte auch der Redefreiheit wieder einen weiteren
Spielraum gab, ist noch die Tendenzdichtung, d.i. die
Verbreitung einer bestimmten Idee vor allem in der Form des
Dramas, besonders hervorzuheben.
III. Körperschaften (Vereine u. dgl.).
Selbst die größte Arbeitskraft. und der opferwilligste Arbeitseifer
eines einzelnen genügen jedoch nur in den allerseltensten
Fällen, um einer Idee ein entsprechendes Echo zu
bereiten. Man kam daher bereits frühzeitig auf den Gedanken
der Gründung von Agitationszentren (Vereinigungen), um
die Zahl der Verbreiter einer Idee zu vervielfachen. Zunächst
wird also die Idee in einem kleinen Kreise verbreitet, um aktive
Mitarbeiter (Agitatoren) zu schaffen; die Mitglieder dieses
Kreises bilden vielfach selbst wieder ähnliche Vereinigungen
und erst dann wird an die Bearbeitung der großen Massen
geschritten.
Das Vereinswesen war bereits in Rom stark ausgebildet,
und insbesondere der Kaiser Septimius Severus (193 bis 211