618 Sechster Teil. Volkswirtschaftliche Zustände in Amerika.
fallend fälschlich angegeben waren. So waren z. B. Glaswaren (Klasse 1) bezeichnet
als irdene Ware (Klasse 4), Drucksachen (Klasse 1) als Druckpapier (Klasse 3), Spiegel
glas (Klasse 1) als Fensterglas (Klaffe 4) u. dgl. Als Inhalt eines Wagens waren
Holzwaren angegeben. Die Untersuchung ergab, daß er zahlreiche andere Gegen
stände, als Bürsten, Drogen, Pappsachen, ja sogar ein Zimmerharmonium enthielt.
Die Frachthinterziehung belief sich für diesen Wagen auf etwa 1800 Dollars.
Einen weiteren Mißstand bildet der Fahrkartenhandel auf den ameri
kanischen Bahnen, das sog. „Skalpiergeschäft" (man bezeichnet die Fahrkartenhändler
mit dem Ausdruck: Diellei: seuipers).
Die Skalpierer sind wohl zu unterscheiden von den, von den Eisenbahnen selbst
angestellten Fahrkartenhändlern, die im Auftrage der Bahnen die Fahrkarten zu den
selben Preisen wie die Bahnen verkaufen. Die Skalpierer verkaufen billiger als die
Bahnen. Ihr Gewerbe besteht darin, daß sie einmal von den Eisenbahnen die für
längere Reisen, für Rückfahrten, zu ermäßigten Preisen ausgegebenen Fahrkarten,
ferner die Zeitkarten, die Tausendmeilenkarten usw. erwerben und dann Teile dieser
Karten für Einzelreisen wieder an das Publikum abgeben. Wenn sie sich von den
Reisenden auch ein Aufgeld hierfür geben lassen, so können sie doch immer geringere
Preise stellen als die Bahnen. Ferner erwerben die Skalper von dem Publikum
unbenutzte Rückfahr- und sonstige ermäßigte Karten zu geringerem Preise, die sie
dann mit Nutzen weiterveräußern: dabei erzielen sie also doppelten Gewinn. Be
sonders sind sie stets bei der Hand, wenn bei Tarifkriegen die Eisenbahnen Massen
von Karten zu Schleuderpreisen auf den Markt werfen. Da blüht so recht ihr Weizen,
denn diese Fahrkarten werden von den Skalpern in Menge aufgekauft und oft noch
Monate nach Beendigung des Kriegszustandes an das Publikum zu etwas niedrigeren
als den regelmäßigen Preisen abgegeben. All dies geschieht unter den Augen der
Eisenbahnen. Mit welcher Harmlosigkeit, davon erzählt ein englischer Fachmann,
van Oß, in seinem vortrefflichen Werke über die amerikanischen Eisenbahnen ein
eigenes Erlebnis. Er wollte von Kalifornien nach Chikago und zurück reisen. In
seinem Gasthof fragte er nach der nächsten Fahrkartenverkaufsstelle, worauf ihm der
Kellner empfahl, nicht zu dieser, sondern zu einem Skalper zu gehen. Der Skalper
ging mit ihm auf das Bureau der Eisenbahn und stellte ihn dort vor. van Oß be
zahlte darauf den gewöhnlichen Preis von 75 Dollars, erhielt aber alsbald vom
Skalper W/2 Dollars, d. h. den sechsten Teil des Fahrpreises zurück. Natürlich er
hielt auch der Skalper seine Provision!
Wird das Geschäft noch so betrieben, so ist es zwar nicht schön, aber nach
amerikanischen Anschauungen wenigstens nicht unehrenhaft. Nun gehen aber die
Skalper noch einen Schritt weiter. Sie kaufen von den Eisenbahnbediensteten Frei
karten, sie verleiten das Eisenbahnpersonal zur Wiederveräußerung abgefahrener,
entwerteter Karten, sie gehen über zu Fahrkartenfälschungen. Das führt zu einer
völligen Verderbnis des Bahnpersonals und zu fortgesetzten Betrügereien und Durch
stechereien.
Die eigentliche innere Ursache dieser und anderer Mißstände ist die regellose,
unbeschränkte Konkurrenz im amerikanischen Eisenbahn- und Geschäftsleben. Eine
solche läßt sich wirksam nur durchführen, wenn sie heimlich betrieben wird, wenn
dem Geschäftsmann die Mittel, mit denen fein Konkurrent dasselbe Geschäft betreibt,
verborgen bleiben. Damit steht aber die Öffentlichkeit der Eisenbahntarife in Wider
spruch; aus diesem Grunde haben sich die Eisenbahnen gegen die Veröffentlichung
ihrer Frachtsätze gewehrt und suchen sie heute noch zu umgehen. Es hat langer
Jahre bedurft, ehe bei den Eisenbahnen die Erkenntnis zum Durchbruch kam, daß eine
solche Konkurrenzmacherei ihren eigenen Interessen widerspreche, und daß es auch
für sie vorteilhafter ist, einen Teil ihrer Selbständigkeit zu opfern und sich mit