Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Teichischen Aktiva, wie schließlich die gesamte staat- 
liche Finanzgebarung wurden: unter strengste Kon- 
trolle der österreichischen Sektion der Reparations- 
kommission gestellt, die dafür zusagte, ohne Verzug 
die wirtschaftliche und finanzielle Lage Osterreichs 
einem eingehenden Studium zu unterziehen und einen 
Gesamtplan für die wirtschaftliche Wiederaufrichtung 
des Landes auszuarbeiten. Die unter dem Vorsitz Sir 
William Goodes stehende Sektion nahm ihre Tätig- 
keit in Wien unmittelbar nach Inkrafttreten des 
Friedensvertrages am 16. Juli 1020 auf. Ungefähr zur 
gleichen Zeit traten in Wien die im Friedensvertrage 
vorgesehenen interalliierten Ueberwachungskommis- 
sionen für das Landheer, die Marine und die Luft- 
schiffahrt zusammen. 
Die Regierung hatte das Inkrafttreten des Friedens- 
vertrages nicht abgewartet, um ‚mit den leitenden 
Staatsmännern der wichtigsten Nachbarstaaten in 
persönliche Verbindung zu treten. Schon am 9. Jän- 
ner 10920 war Staatskanzler Dr. Renner zum Besuch 
des tschechoslovakischen Außenministers nach Prag 
gefahren. Wenn es bei diesen Besprechungen auch 
nicht zum Abschlusse eines Vertrages kam, so wurde 
damals doch der Grundstein zu den in der Folge 
sich ständig freundlicher gestaltenden Beziehungen 
Oesterreichs zur Tschechoslovakei gelegt. Schon 
damals trat die Notwendigkeit deutlich zutage, die so 
plötzlich abgerissenen, engen wirtschaftlichen Be- 
ziehungen zwischen den beiden Ländern wieder 
anzuknüpfen. Im Sinne der Prager Besprechungen 
wurden in den folgenden Monaten eine größere 
Anzahl von Abkommen abgeschlossen, durch welche 
die verschiedensten, die beiden Staaten besonders 
interessierenden Materien einer Regelung zugeführt 
wurden. aD des Jahres 1020 begab sich 
Staatskarizler Dr. Renner nach Rom, um auch mit 
Italien ein gutes nachbarliches Verhältnis herzustellen. 
Der Kanzler wurde von italienischen Regierungs- 
Stellen mit Herzlichkeit begrüßt und die Unter- 
redungen mit dem italienischen Ministerpräsidenten 
Nitti brachten die erfreuliche Gewißheit, daß Italien 
dem Wiederaufbau Oesterreichs tatkräftige Sympathie 
zuwenden werde. Auch dieser Besuch führte zu 
einer großen Zahl wichtiger Abmachungen in recht- 
lichen, wirtschaftlichen und finanziellen Fragen. 
Weniger rasch ließ sich ein freundschaftliches Ver- 
hältnis zum Königreiche der Serben, Kroaten 
und Slowenen anbahnen. Wohl hatte sich. das 
benachbarte Königreich vom Anfang an in handels- 
Politischen Fragen entgegenkommend ge- 
zeigt, so daß schon am 27. Juli 10920 zwischen 
beiden Staaten ein regulärer Handelsvertrag zu- 
stande kam, der erste, den die Republik Oesterreich 
überhaupt geschlossen hat, da bis dahin bloß kurz- 
fristige Kompensations- und Kontingentabkommen 
den spärlichen Handelsverkehr zwischen den Nach- 
folgestaaten regelten. Aber auf den volitischenr 
Beziehungen lastete vorerst noch die ungelöste 
Kärntner Frage. Zur Durchführung der im 
Friedensvertrage vorgesehenen Volksabstimmung traf 
ine interalliierte Plebiszitkommission sogleich nach 
Inkrafttreten des Friedensvertrages in Klagenfurt 
an und begann unter Vorsitz des Prinzen Livio 
Borghese ihre Tätigkeit. Sie hat ihre Aufgabe mit 
vorbildlicher Objektivität und Pflichttreue 
arfüllt und die Abhaltung der unbeeinflußten Volks- 
abstimmung ermöglicht. Das Abstimmungsgebiet war 
in zwei Zonen geteilt, von denen am 10. Oktober 
ıur die südliche Zone abzustimmen hatte. Stimmte 
die südliche Zone für Oesterreich, so hatte in der 
nördlichen Zone eine weitere Abstimmung zu ent- 
fallen] der 10. Oktober brachte den erhofften Sieg 
des österreichischen Staats- und des kärntnerischen 
Heimatsgedankens. 60 Prozent der Abstimmungs- 
berechtigten, darunter offenbar auch zahlreiche An- 
zehörige des slowenischen Volksstammes, haben sich 
zu ihrem/” gerade damals in größter Not befindlichen 
Vaterlande bekannt. Die Besitzergreifung des Ab- 
stimmungsgebietes durch die österreichischen Organe 
zing rasch und reibungslos von ‚statten und am 
8. November wurde das Land den österreichischen 
Behörden eingeantwortet. Von diesem Tage an haben 
sich die Beziehungen Oesterreichs zum südslawischen 
Xönigreiche ständig in der erfreulichsten Weise 
»ntwickelt. 
Auch die Beziehungen zu Ungarn blieben 
zunächst getrübt. Zwar war mit unserem östlichen 
Nachbar schon im Jänner I0I9 ein erstes provi- 
sorisches Handelsübereinkommen geschlossen worden, 
lem rasch ein Kompensationsvertrag folgte. Auch 
war man schon in Vorbesprechungen für den Ab- 
schluß eines regelrechten Handelsvertrages, einge- 
‘reten, mit welchem man sich von dem schwerfälligen 
Kompensationsprinzipe abwenden wollte. Aber die 
politischen Geschehnisse verhinderten zunächst die 
intwicklung freundschafllicher Beziehungen. Regierung 
und Oeffentlichkeit in Ungarn lehnten die Zumutung, 
daß Ungarn die von Deutschen bewohnten Grenz- 
striche im Westen an Oesterreich abtreten. solle, 
mit Leidenschaft ab und verübelten es Oesterreich 
auf das heftigste, daß es den einzigen bescheidenen 
territorialen Gewinn, den ihm der Friedensvertrag 
brachte und der zudem im Nationalitätenprinzipe 
‘est verankert war, auf Kosten Ungarns machen 
sollte. Die Erregung gegen Oesterreich machte sich 
ın zahlreichen Reibungen an der Grenze, die sogar 
bis zu bewaffneten Einfällen’ auf österreichisches 
Gebiet führten, Luft. 
Zu diesem Konflikt in der Grenzfrage traten noch 
die Rückwirkungen der innerpolitischen Freignisse 
in Ungarn. Während in Ungarn die Räteregierung 
herrschte, hatte Oesterreich und vornehmlich Wien 
den ungarischen Gegenrevolutionären Asyl geboten 
und damit die politischen Schwierigkeiten noch stark 
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