Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

portefeuille verfügten und in der Transportversiche- 
rung tätig waren, mußten in einer Unzahl von 
Währungen (vielfach über ein halbes Hundert) kon- 
tieren. Eine weitere für die Gesellschaften mißliche 
Begleiterscheinung der Inflation war, daß sie oft ge- 
nug ein, wegen der Entwertung der Versicherungs- 
summe freilich minimal gewordenes Risiko gratis tragen 
mußten, da die Kosten. der Einhebung und Ver- 
buchung der entwerteten Prämien. in keinem Verhält- 
nis zu der Einnahme gestanden wären und die Fin- 
haltung des vom Versicherungs-Vertrags-Gesetze zum 
Schutze der Versicherungsnehmer vorgeschriebenen 
Prämienmahnverfahrens unverhältnismäßige Kosten 
verursacht hätte. Die akquisitorische Tätigkeit waı 
aber‘ bei der herrschenden Geldflüssigkeit ziemlich 
leicht; einerseits hatte die Schadensversicherung nicht 
jene Vertrauenskrise durchzumachen, wie die Lebens- 
versicherung, andererseits ging die Anpassung an die 
Geldwertverhältnisse im allgemeinen rasch vor sich, 
da das Publikum sich der Erkenntnis der Notwendig- 
keit eines hinreichenden Versicherungsschutzes für 
die vorhandenen Sachgüter nicht verschloß und 
die relativ geringe Belastung durch Schadensver- 
zicherungsprämien leichter auf sich nahm. Die Prämien- 
einnahmen wiesen alljährlich eine gewaltige ziffern- 
mäßige Steigerung aus. Dabei war in den Inflations- 
;ahren der Schadensverlauf, insbesondere in dem 
oedeutendsten Zweige der Schadensversicherung, deı 
l’euerversicherung,einaußerordentlich günstiger. 
Dies ist in der Hauptsache darauf zurückzuführen, daß 
eben Sachgüter damals viel höher geschätzt wurden 
als Geld, weshalb cdie Versicherten der Verhütung 
von Brandschäden ganz besondere Aufmerksamkeit 
schenkten und Spekulationsbrände fast überhaupt 
nicht vorkamen. Außerdem mußten bei vorkommen- 
den Brandschäden die Versicherer oft nicht für den 
ganzen Schaden aufkommen, weil vielfach noch Unter- 
versicherungen bestanden. In der Transportversiche- 
rung, die in der ersten Nachkriegsveit zwar stark 
unter Bahndiebstählen zu leiden hatte, wirkte der 
durch die Inflation begünstigte stärkere Güterverkehr 
sehr belebend. Bezüglich des Schadensverlaufes war 
das Schmerzenskind der Schadensversicherung eigent- 
lich nur die Einbruchdiebstahlversicherung, begreiflich, 
da der Krieg demoralisierend gewirkt hatte, die 
öffentlichen Sicherheitsverhältnisse, die Straßenbeleuch- 
tung viel zu wünschen übrig ließen. und die allge- 
meine Verarmung der Bevölkerung das ihrige dazu 
beitrug. Betrachtet man die Rechnungsahbschlüsse 
der Schadensversicherungs-Gesellschaften aufeinander- 
folgend in den ersten Nachkriegsjahren, so 
zeigen sie im allgemeinen kein ungünstiges Bild. 
Stets stark steigende Prämieneinnahmen bei mäßigen 
Ausgaben für Schäden (allerdings außerordentlich 
hohe Regien), sowie ziffernmäßig ziemlich hoch er- 
scheinende Überschüsse. Die Ziffern der öffentlichen 
Rechnungslegung in dieser Zeit geben jedoch kein 
ichtiges Bild von der Lage der Gesellschaften, den 
las Gros derselben hat, von einer diesbezüglichen. 
lurch die besonderen Verhältnisse der Nachkriegszeit 
yegründeten Erlaubnis des Bundeskanzleramtes als 
Yersicherungsaufsichtsbehörde Gebrauch machend, die 
remden Währungen nicht zu ihrem wirklichen Werte, 
‚oondern zu den Vorkriegsrelationen bzw. al pari, 
ılso beispielsweise eine tschechische Krone ist gleich 
ine österreichische Krone, verrechnet. Daraus ergibt 
ich, daß die Regien faktisch nicht dem vielfach ge- 
‚adezu unerträglich hoch erscheinenden Prozentsatz 
ler Prämieneinnahme ausgemacht haben, wie er aus 
len Rechenschaftsberichten hervorgeht. Es ist klar, 
laß die Regien, die in der Hauptsache in österreichi- 
‚chen Kronen zu zahlen waren, da eben der über- 
viegende Teil der Beamtenschaft auf Österreich ent- 
jel, perzentuell enorm hoch in Erscheinung treten 
nußten, wenn die Prämieneinnahmen nicht mit ihrem 
‚alutarischen Gewichte ausgewiesen wurden. In den 
neisten. Rechnungsabschlüssen aus dieser Zeit wird 
nan auch unter den Einnahmen hohe Posten unter 
lem Titel „Kursgewinn an Valuten” finden, indem 
äin Teil der Bestände an fremden Währungen in 
österreichische Kronen umgewechselt wurde, um dar- 
aus die Regien zu bestreiten. 
Das Jahr 1922 brachte den Gesellschaften mit der 
5tabilisierung der österreichischen Krone wieder 
lie Möglichkeit, mit festen Größen zu rechnen. Die 
Wirkungen waren verschiedenster Art. Die sprung- 
1afte Steigerung der Regien hatte endlich ein Ende 
zefunden, dagegen gestaltete sich die Erwerbung 
1euer Geschäfte wesentlich schwieriger, die 
ıingetretene allgemeine Wirtschaftskrise blieb selbst- 
verständlich auch auf die Akquisitionstätigkeit der 
Versicherungsanstalten nicht ohne Finfluß. Die Mög- 
üichkeiten, im Wege von Nachversicherungen neue 
Prämieneinnahmen zu erzielen, waren ziemlich erschöpft. 
Vielfach zeigten sich sogar bereits Überversicherungen, 
ıeue Versicherungsobjekte entstanden äußerst spär- 
ich, der Mittelstand, der in den Vorkriegszeiten die 
‚esten Risken gebracht hatte, war verarmt und dem- 
antsprechend Versicherungsahbschlüssen wenig geneigt, 
las Inkasso wurde schleppend, die früher in der 
>xchadensversicherung fast unbekannten Prämienstun- 
Jungen und Zahlungen in Raten nahmen mehr und 
nehr zu. Auch in den Schadensziffern traten bald 
lie geänderten wirtschaftlichen Verhältnisse in Kr- 
scheinung, hier vor allem in der Feuerversicherung, 
lie, einst der stolzeste Stützpfeiler in der österreichischen 
5chadensversicherung, sich außerordentlich un- 
zünstig entwickelte. Zufolge der Festigkeit des Geld- 
wertes war die Sorge, trotz Versicherung wegen des 
unsicheren Wertes der in Geld Zu leistenden. Fınt- 
schädigung doch zu Schaden zu kommen, weggefallen, 
die besondere Sorgfalt bezüglich Schadensverhütung 
ieß vielfach nach, Spekulationsbrände nahmen mehr 
ınd mehr zu. Insbesondere das ländliche Feuerver-
	        
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