Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

DIE ÖSTERREICHISCHE LANDWIRTSCHAFT 1918 UND 1928 
Von Dr. Leopold Hennet, Sektionschef, Bundesminister a. D. 
Ein Rückblick auf die Zeit des November 1918 weckt 
trübe Gedanken. Es war die Zeit des Zusammen- 
bruches eines vielhundertjährigen Reiches und einer 
im Laufe von Jahrhunderten gewordenen Wirtschafts- 
zinheit. Das große Reich zerfiel — man fühlte es — 
auf immer. Die seelische Erschütterung durch das fast 
stündliche Eintreffen von Nachrichten weltgeschicht- 
iicher Bedeutung wurde durch äußere Umstände unter- 
strichen und verschärft. Ganz besonders bedrückte die 
Sorge um Nahrungsmittel die ohnehin schwer leidende 
Bevölkerung. Die Ration, auf die die Brotkarten und 
andere Ausweise lauteten, genügte nicht, um auch nur die 
bescheidenste Existenz zu fristen, und so trachtete 
jeder auf diesem oder jenem Umwege ein Plus zu 
erreichen. Die Kriegswirtschaft mit ihren Maximal- 
preisen, Requisitionen, Zwangslieferungen, mit dem 
ganzen Apparat von Vorschriften aller Art, die durch 
Jahre, da milder und planmäßiger, dort strenger und 
sinnloser gehandhabt, das schon lange aussichtslose 
„Durchhalten” sichern sollte, lastete unsäglich schwer. 
auf der Landwirtschaft. Ihr Ertrag wurde immer ge- 
geringer, während die Anforderungen wuchsen. 
In diesem trüben November 1918 wurde der Ver- 
fasser dieser Zeilen an der Spitze einer Kommission 
von Fachmännern für Fragen der Lebensmittelver- 
sorgung und von Finanzsachversändigen nach Bern 
entsendet, wo sie durch bange Wochen den seit 
langem angekündigten Delegierten Mr. Hoovers — 
des eben gewählten Präsidenten — erwarteten, Täglich 
trafen Telegramme ein, daß die Vorräte in Oester- 
reich und speziell ‘die in Wien kaum auf einige 
Tage reichen und dringende Hilfe erwartet werde. 
Endlich traf die Ententekommission ein. Es war ein 
Gefühl der Erlösung, als auf Grund der Schilderung 
unserer trostlosen Verhältnisse die Ententekommission 
Ende Dezember den Abtransport von Lebensmitteln 
aus der Schweiz gestattete und weitere Hilfe für die 
nächste Zeit zusagte. 
Mit Ausnahme der Gegenden, über die die Furie 
des Krieges unmittelbar vernichtend dahingegangen 
war, hatte die Landwirtschaft nirgends mehr gelitten 
als im heutigen Oesterreich. Im Rahmen der alten 
österreichisch-ungarischen Monarchie waren die Alpen- 
Jänder stets etwas vernachlässigt worden. Der oft ge- 
machte Vergleich mit einem Großgrundbesitzer, der 
seine fruchtbaren. Aecker mit besonderer Vorliebe 
hegt und pflegt und die weniger fruchtbaren stief- 
mütterlich behandelt, stimmt tatsächlich für die da- 
malige Auffassung. In den meisten Teilen des heutigen 
Desterreich war die Entwicklung der Landwirtschaft 
zurückgeblieben und viele Möglichkeiten einer ge- 
;teigerten Produktion wurden nicht ausgenützt. Nun 
waren wir Innenösterreicher gerade auf dieses Gebiet 
angewiesen. 
Die Gebäude waren zumeist arg vernachlässigt; der 
Bezug, die Ergänzung und die Reparatur von Maschinen 
stieß auf die größten Schwierigkeiten oder war viel- 
lach undurchführbar. Der Viehstand war durch die 
Requisitionen stark zurückgegangen und hatte durch 
len Futtermangel auch qualitativ stark gelitten. Die 
Velderträge gingen infolge der unzureichenden Düngung 
ınd Bodenbearbeitung ständig zurück und ließen die 
ärgsten Befürchtungen für die Zukunft aufkommen: 
So stand es mit der Landwirtschaft im Jahre 1918. 
Auch in den nächsten Jahren nach Einstellung der 
Feindseligkeiten — konnte man von einem Frieden 
sprechen? — war die Lage äußerst schwierig. Ver- 
schiedene Hilfswerke aus neutralen, aber auch aus 
ırüher feindlichen Staaten entwickelten eine not- 
wendige und segensreiche Tätigkeit hauptsächlich zu- 
zunsten der Kinder, die durch den Mangel an ent- 
;prechender Nahrung am meisten litten. 
Die Erholung im Innern schritt nur langsam vor- 
wärts. Mit den Nachbarstaaten wurden Verträge über 
den Austausch von Produkten abgeschlossen, die 
aber eigentlich nur das Recht des Bezuges von 
Nahrungsmitteln beinhalteten. Erst 1021 bis 1022 
wurden, ebenso wie die Lebensmittelzuschüsse — diese 
heute so selbstverständlich erscheinende, damals so 
iußerst schwierige Tat des Kabinettes Schober darf 
aicht vergessen werden — auch die letzten Fesseln 
der Zwangswirtschaft beseitigt. Wie hat sich die Lage 
seither gestaltet? Welcher wichtige Zweig der öster- 
reichischen Volkswirtschaft hat einen größeren Auf- 
schwung genommen als die Landwirtschaft? Wenn 
auch durch die Geldentwertung die oft stark ver- 
;chuldeten Betriebe entschuldet wurden, so erschien 
dieser Vorteil sehr oft dadurch aufgehoben, daß durch 
die Zwangslieferungen unter den Erzeugungskosten 
die Kapitalsubstanz des Gutes arg geschmälert war und
	        
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