Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Stück Schweine alljährlich nach Oesterreich impor- 
tiert! Hätten wir einen Schweinezoll in der Höhe 
der Schweiz und dazu noch wie dieses Land die 
Möglichkeit, den Import von Schweinen wenigstens 
zu gewissen Zeiten ganz zu sperren, so könnten wir 
in Oesterreich in wenigen Jahren unsere Schweine- 
produktion hochbringen und damit unsere Handels- 
bilanz ganz außerordentlich verbessern. Leider ist uns 
durch die Handelsverträge diese Aussicht unterbunden 
worden. Es wird daher seitens der Präsidentenkon- 
ferenz mit allen Mitteln auf eine entsprechende Ver- 
ringerung dieser unerträglichen Importe durch eine 
Kontingentierung der Schweineeinfuhr, insbesondere 
aus Polen, gedrungen werden. Denn es ist ganz un- 
möglich, daß ein so wichtiger und ausbaufähiger 
Produktionszweig vollständig erstickt wird. 
Zusammenfassend sei hier zum Beweise der großen 
Fortschritte der österreichischen Landwirtschaft im 
abgelaufenen Dezennium besonders betont und her- 
vorgehoben, daß die österreichische Landwirtschafl 
heute in Hafer, Roggen und Kartoffeln bereits den 
ganzen Inlandsbedarf, in Weizen, Gerste, Vieh, Fleisch 
und Zucker einen sehr beträchtlichen Teil des Be- 
darfes, der jedenfalls die Hälfte desselben weit über- 
steigt, decken kann. Daß wir in Milch- und Molkerei- 
produkten gar keiner Importe bedürfen, wurde schon 
früher hervorgehoben. 
Ein wichtiges Kapitel der österreichischen Land- 
wirtschaft ist der Weinbau. Leider kann über die 
Entwicklung des Weinbaus im verflossenen Dezen- 
nium nicht viel Günstiges gesagt werden. Unser 
Weinbau ist nämlich infolge der Schädlingsvermehrung 
und der klimatischen Katastrophen arg betroffen 
worden. Dies ist um so bedauerlicher, als der Wein- 
bau auf kleinster Fläche die relativ größte Anzahl 
von Personen ernährt, auf 38.000 Hektar nicht 
weniger als 04.000 Familien. Es wurde daher seitens 
der landwirtschaftlichen Hauptkörperschaften mit 
Unterstützung des Bundes und der Länder alles auf- 
geboten, um unseren Weinbau wenigstens zu er- 
halten. Durch Auswahl der Rebensorten, durch 
energische Schädlingsbekämpfung sowie durch Ver- 
besserung der Kellerwirtschaft und ähnliches ist be- 
reits manches erreicht worden und wird in der Zu- 
kunftnoch vieles verbessert werden. Auf verschiedenen 
Ausstellungen, insbesondere der Weinkost der Wiener 
Frühjahrs- und Herbstmesse wurde gezeigt, daß unser 
Weinbau in der Lage ist, billige vorzügliche Tisch- 
weine neben besten Qualitätsweinen aller Art zu er- 
zeugen. Daß dies bei der katastrophalen Situation 
des Weinbaues möglich war, ist nicht zuletzt das 
Verdienst der landwirtschaftlichen Hauptkörperschaften 
Niederösterreichs, Steiermarks, des Burgenlandes und 
Wiens, welche im Einvernehmen mit den Fachorgani- 
sationen der Winzerschaft alles aufgeboten haben, 
was zur Unterstützung und Förderung unseres Wein- 
baues nur irgendwie tunlich war. Alle diese Aktionen 
wirken sich erst langsam aus, werden aber Erfolg er- 
zielen, wenn der österreichische Konsum die inlän- 
dischen Weine entsprechend bevorzugt, was eigent- 
lich selbstverständlich sein sollte. 
Auch der österreichische Obstbau konnte sich 
trotz zahlreicher Fördermaßnahmen der landwirt- 
schaftlichen Hauptkörperschaften nicht befriedigend 
entwickeln. Daran ist in erster Linie der außerordent- 
lich geringe Zollschutz schuld, der die österreichische 
Übstproduktion einer nahezu schrankenlosen Kon- 
kurrenz des Auslandes preisgibt, Auch bei der Revi- 
sion. der Handelsverträge konnte für den Obstbau 
keine bessere zolltarifische Position errungen werden, 
da vorerst die Getreide- sowie die Vieh- und Fleisch- 
zölle verbessert werden mußten. Ja, im Gegenteil, bei 
dieser Revision mußte sogar unser Obstbau neuer- 
liche Konzessionen machen. Dies ist um so bedauer- 
licher, da sowohl die klimatischen als auch die Boden- 
‚erhältnisse für den Obstbau nicht ungünstig wären. 
Wie groß übrigens die Förderungstätigkeit der land- 
wirtschaftlichen Hauptkörperschaften auch auf diesem 
wenig ergiebigen Gebiet war, möge durch den Hin- 
weis illustriert werden, daß die niederösterreichische 
Kammer ‚allein in wenigen Jahren 70.000 Obstbäume 
ınd 350.000 Wildlinge zum großen Teil aus eigenen 
Ibstbaumschulen abgegeben, 60 Beispielsobstgärten, 
12 Landes-Mustermostereien errichtet hat. Besonders 
wichtig erscheint unter den Maßnahmen zur Propa- 
gierung eines größeren Inlandskonsums die Einführung 
einer Einheitsobstpackung und der damit Hand in 
Hand gehenden Standardisierung der Obstproduktion- 
Im allgemeinen kann gesagt werden, daß Oesterreich 
bei entsprechendem Zollschutz und planmäßiger För- 
derung der Produktion ohne weiteres in der Lage 
wäre, genügend Kern- und Steinobst für den Inlands- 
konsum zu liefern, wobei alle Qualitätsansprüche be- 
friedigt werden könnten, 
Wenn in vorstehendem von der großen durch die 
landwirtschaftlichen Hauptkörperschaften planmäßig 
ınterstützten Produktionskraft der österreichischen 
Landwirtschaft und deren Ergebnissen gesprochen 
wurde, so erscheint es notwendig, darauf hinzuweisen, 
laß alle diese Erfolge unter verhältnismäßig un- 
günstigen Umständen erzielt wurden. Daß der Zoll- 
schutz ungenügend ist, wurde bereits oben erwähnt. 
“benso ungünstig war aber auch die Situation der 
„andwirtschaft in Hinsicht der Beschaffung des für 
:hren Wiederaufbau und ihre Umgestaltung benötigten 
Kredites. Der Zinsfuß für Leihkapital war vier- bis 
{ünfmal so groß als im Frieden. Für die Landwirt- 
schaft war es nun unmöglich, diese Zinsfußsteigerung 
mitzumachen, weil sie nicht in gleicher Weise wie 
Handel, Verkehr und Industrie auf die Entwicklung 
der Preise ihrer Erzeugnisse Finfluß nehmen kann. 
Die österreichische Landwirtschaft hat daher auch in 
den ersten Jahren. ihres Wiederaufbaues ‚ von den 
teueren ausländischen Krediten keinen Gebrauch ge-
	        
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