Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

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Großmächte auf die katastrophalen Folgen aufmerk- 
sam gemacht, welche durch das Ausbleiben der seit 
Wonaten von der Reparationskommission beantragten 
Auslandskredite gezeitigt werden müßten. [Im März 
begab sich sodann Bundeskanzler Mayr gemeinsam 
mit dem Ernährungs- und dem Finanzminister nach 
London, um dem Obersten Rat persönlich die Not- 
wendigkeit schleunigster Kredithilfe vorzustellen. Auch 
diesem Schritt jedoch blieb ein unmittelbarer Erfolg 
versagt. Immerhin brachten die Londoner Besprechungen 
die wichtige Entscheidung, daß der Plan staatlicher 
Kredite endgültig fallen gelassen wurde und Oester- 
reich mit seinen Kreditwünschen an die privaten Geld- 
quellen der Welt verwiesen wurde. Zur leichteren 
Erschließung dieser Quellen sollte die Kreditaktion 
weiterhin vom Völkerbunde fortgeführt werden, wo- 
bei daran gedacht war, daß gewisse Aktiva Oester- 
reichs als Pfänder für die Kredite freigegeben und 
hre Gestion unter Kontrolle des Völkerbundes ge- 
stellt werden sollte. Die Finanzkommission des Völker- 
bundes stellte unverzüglich die wesentlichen Maß- 
nahmen fest, welche die Grundlage einer erfolgreichen 
Kreditaktion zu bilden hätten. Als diese Maßnahmen 
wurden der Verzicht‘ auf weitere Ausgabe von un- 
gedeckten Banknoten, der Abbau der zentralen Be- 
wirtschaftung von Lebensmitteln und Kohle auf öster- 
reichischer Seite, die Zurückstellung der Pfandrechte 
aus dem Friedensvertrage und der Hypotheken auf 
Srund der Lebensmittelkredite sowie/zwecks Verein- 
“achung des Kontrollapparates die Auflösung der 
österreichischen Sektion der Reparationskommision 
auf Seite der Alliierten erkannt. 
Bereits im April trafen drei Delegierte der 
Finanzkommission des Völkerbundes in 
Wien ein und unterzogen die wirtschaftliche Lage 
Oesterreichs einer genauen Prüfung.. Deren Ergebnis 
faßten sie dahin zusammen, daß Oesterreich wirt- 
schaftlich lebensfähig sei und der Staat trotz aller 
Schwierigkeiten, die überwunden werden müßten, nach 
Einlangen hinlänglicher Auslandskredite seine öffent- 
lichen Finanzen und seine Währung sanieren. könne. 
Während des Frühjahres arbeiteten sodann die Dele- 
gierten der Finanzkommission gemeinsam mit der 
Regierung ein umfängliches Sanierungspro- 
gramm aus, welches alsbald auch die Zustimmung 
der Alliierten fand. So schienen denn die so dringend 
benötigten Kredite endlich in greifbare Nähe /Berlick!. 
Bloß die Rückstellung der Pfandrechte, welche durch 
alle einzelnen pfandberechtigten Regierungen zu er- 
folgen hatte, bedang eine letzte, wie es schien. kurze 
Verzögerung. (Unter den Regierungen, welcheihre Pfand- 
rechte noch nicht zurückgestellt hatten, befand sich 
die der Vereinigten Staaten von Amerika, 
mit welchen Oesterreich, da Amerika den Frieden 
von St. Germain nicht ratifiziert hatte, noch nicht in 
diplomatischen Beziehungen stand. Diesem Uebel- 
stande wurde durch den Abschluß eines vom 
24. August 1921 datierten Friedensvertrages ab- 
seholfen, welcher sich im wesentlichen als eine Re- 
reption des Vertrages von St. Germain unter Aus- 
assung jener Abschnitte darstellte, welche die Ver- 
inigten Staaten nicht zu unterzeichnen wünschten, 
Der wichtigste dieser Abschnitte ist der über die 
Srenzen der Republik Oesterreich. / un hätte die 
Kreditaktion nach Hinwegräumung dieses letzten ent- 
;cheidenden Hindernisses endgültig in Fluß kommen 
;ollen. Doch neuerlich zeigten sich Verzögerungen 
ınd trotz alles Drängens Oesterreichs sowohl wie des 
Jbersten Rates der Alliierten waren einzelne unteı 
len verbündeten Regierungen nicht geneigt, die Rück- 
stellung der Pfandrechte durchzuführen, womit die 
Aktion an einem toten Punkt angelangt war. 
Um unter diesen Umständen den völligen Nieder- 
bruch der österreichischen Staats- und Privatwirtschaft 
aufzuhalten und den Tag, an dem die zur Bezahlung 
der unumgänglich notwendigen Lebensmitteleinfuhr 
arforderlichen Devisen fehlen würden, hinauszuschieben, 
waren die heroischesten und drastischesten Mittel 
nötig. Während des Winters 1021/10922 und des dar- 
ıuffolgenden Frühjahres beschloß das Parlament über 
Antrag der Regierung Schober eine ganze Reihe von 
Gesetzen, deren Zweck es war, dem bedürftigen Staate 
aeue sichere Finnahmsquellen zu erschließen, Ausgaben, 
wie vor allem jene für die Lebensmittel- und Kohlen- 
zuschüsse, zu ersparen und den sich stets vermindernden 
Schatz ausländischer Devisen zu stärken. Die aus- 
jländischen Faktoren anerkannten voll die großen An- 
;trengungen, die die Österreichische Regierung und 
las österreichische Volk unternahmen, um dem weiteren 
Verfall der öffentlichen Finanzen und der Wirtschaft 
7inhalt zu tun, und fanden sich bereit, Oesterreich in 
seinem Fxistenzkampfe Unterstützung und augenblick- 
iche Erleichterung zu gewähren: Großbritannien, 
italien und Frankreich versprachen vorschuß- 
weise Regierungskredite, welche aus dem Erlös 
Jer künftigen Völkerbundanleihe zurück gezahlt werden 
zollten. Diese Kredite flossen dann auch im Laufe 
les Frühjahrs und Sommers 1022 ein. Inzwischen 
1atte die Konferenz von Genua, welche am 10. April 
922 eröffnet wurde und zu welcher alle Staaten 
Auropas ihre leitenden Männer entsandt hatten, um 
äber den Wiederaufbau Rußlands, das Währungs- 
aroblem und die Wechselkurse sowie über die all- 
zemeine europäische Handelspolitik zu beraten, der 
3Zundesregierung neuerlich Gelegenheit geboten, auch 
wußerhalb der die Konferenz als solche interessierenden 
"ragen den entscheidenden Persönlichkeiten der 
Temden Mächte gegenüber ‚auf die immer prekärer 
werdende Situation Oesterreichs hinzuweisen und 
ıchleunige und entscheidende Maßnahmen zu erbitten. 
Aber der Weg zu den Krediten blieb weiterhin durch 
lasGeneralpfandrecht blockiert. Neuerlicheenergischeste 
Selhsthilfemaßnahmen wurden notwendig, Im Mittel- 
zunkt des Rettungsprogrammes der am 31. Mai ge- 
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