58
V. Buddhas Lehrweise.
Eischale zu zerbrechen und glücklich herauszukommen, ebenso, ihr
Mönche, ist ein Mönch, der die fünfzehn Teile des eifrigen Stre-
bens (nach der Erlösung) besitzt, fähig zum Durchdringen, fähig
zur Erleuchtung, fähig zur Erlangung des höchsten Heils."
Buddha schrickt auch vor sehr kühnen Vergleichen nicht zurück:
„Wie wenn, ihr Mönche, ein Mann eine einlochige Reuse in das
Meer würfe, und diese der Ostwind nach Westen, der Westwind
nach Osten, der Nordwind nach Süden, der Südwind nach Norden
zusammenballte; dort wäre eine einäugige Schildkröte und diese
tauchte nach Verlauf von hundert Jahren einmal in die Höhe.
Was meint ihr wohl, o Mönche? Würde diese einäugige Schild
kröte in jene einlochige Reuse ihren Hals stecken?" „Wenn über
haupt, o Herr, dann doch nur nach Ablauf einer langen Zeit."
„Eher noch wird, ihr Mönche, die einäugige Schildkröte in jene
einlochige Reuse den Hals stecken, als daß ein Tor, so sage ich,
ihr Mönche, der in die vier Zustände der Pein gekommen ist 1 ),
wieder Mensch wird."
Die Gleichnisse sind reich an feinen Beobachtungen des mensch
lichen Lebens und der Natur und für uns sehr wertvoll wegen
der vielen Aufschlüsse, die sie uns über indische Sitten und Ge
bräuche geben. Nicht selten werden uns die Gedanken Buddhas
in der Form eines Dialoges vorgetragen.
Bei Bekehrungsgeschichten pflegt Buddha allein ausführlich zu
sprechen, und der Angeredete am Schlüsse nur mit wenigen Worten
sich zustimmend zu äußern. Neben den Gleichnissen trug Buddha
sehr oft auch zur Erläuterung Geschichten aus alter Zeit, Fabeln
und Märchen vor. Er kam damit einer Neigung des indischen
Volkes entgegen. Schon sehr früh sind einige dieser Geschichten
so gewendet worden, daß Buddha selbst in einer früheren Geburt
als Bodhisattva, d. h. als ein Wesen, das bestimmt ist, einst ein
Buddha zu werden, der Held der Erzählung ist, die übrigen
handelnden Personen oder Tiere aber seine Freunde, Gefährten,
Jünger oder Gegner sind. Nach diesen Mustern sind später eine große
Anzahl alter Geschichten umgewandelt, sehr viele neue hinzu-
erfundeu worden. Diese Art Erzählungen führt den Namen
Jätaka, „Vorgeburtsgeschichten". Sie sind gesammelt in einem
eigenen Werke gleichen Namens. Die alte Zahl dieser Jatakas ist
1) Der Buddhismus nimmt vier Zustände (apäya) au, in die der
Sünder nach dem Tode geraten kann: Hölle, Geburt als Tier, Gespenst,
Dämon.