DIE INDUSTRIE ÖSTERREICHS
Von Dr. Ludwig Hartelmüller, Sektionsrat im Bundesministerium für Handel und Verkehr.
IL. Rücblic,
Um dem Außenstehenden ein Bild der Lage der öster-
teichischen Industrie in den Nachkriegsjahren geben zu
können, wird es notwendig sein, mit einigen Worten auf
lie Produktionsgrundlagen der Industrie in der öster-
teichisch-ungarischen Monarchie zurückzukommen. Ist
doch das, was wir heute in Oesterreich an Iudustrie-
ünternehmungen besitzen, bis auf einige wenige Neu-
3ründungen, uns als’ Erbschaft vom alten Oesterreich
überkommen. Jahrhunderte hindurch haben die Länder,
aus denen sich das heutige Oesterreich zusammensetzt,
den Kern des Habsburgerreiches gebildet. Während dieser
Zeit hatte vor allem Wien als Haupt- und Residenzstadt
des alten Staates sowohl in geistiger wie in wirtschaft-
üicher Hinsicht eine führende Stellung inne. Durch die
Nähe dieses wichtigen Konsum- und Verkehrszentrums
begünstigt, konnte sich gerade auf dem Gebiete des
heutigen Oesterreichs eine große und leistungsfähige
Industrie entwickeln. Neben den Sudetenländern, in
denen die industrielle Entwicklung durch die reichen
Rohstoff- und Kohlenvorkommen und durch das Vor-
landensein billiger Arbeitskräfte begünstigt wurde, haben
die Gebiete des heutigen Oesterreichs den größten An-
il an der industriellen Produktion Oesterreich-Ungarns
zestellt. In seinem Buche „Zahlungsbilanz und Lebens-
ähigkeit Oesterreichs” schätzt Dr. Hertz diesen Anteil
auf ungefähr 1, der Produktion des früheren Oester-
°eichs, Durch den Zerfall des alten Wirtschaftsgebietes
haben sich in den Produktions- und Absatzbedingungen
der bei Oesterreich verbliebenen Industrien grund-
legende Aenderungen ergeben. Mit einem Schlage
sah sich die österreichische Industrie nicht allein wichtiger
Rohstoff- und vor allem Brennstoffquellen, sondern auch
des größten Teiles ihres früheren Absatzgebietes beraubt.
Das Zollgebiet des neuen Staates von 83.833 km®, also
Ungefähr 1/, des früheren Gebietes, mit einer Einwohner-
zahl von rund 6°5 Millionen, gleichfalls annähernd 1;
der Finwohnerzahl Oesterreich-Ungarns, konnte natur-
Semäß nicht annähernd genügen, um die Erzeugnisse
Sner Industrie aufzunehmen, die mehr als ı/, der Ka-
Jazität der alt-österreichischen Industrien besaß. Die
Mehrzahl der österreichischen Industrieunternehmungen,
die früher fast ausschließlich für den Inlandsmarkt ge-
arbeitet hatte, sah sich daher nach dem Zusammenbruche
“or die Notwendigkeit gestellt, für den überwiegenden
Teil ihrer Erzeugung den Absatz im Auslande zu suchen,
wollte sie nicht durch ungenügende Ausnützung ihres
’roduktionsapparates zu einer unrentablen Erzeugung
Ind damit zum Untergang verurteilt sein. Selbstverständ-
lich kamen als solche Exportgebiete in erster Linie jene
„‚änder in Frage, die als ehemalige Bestandteile Oester-
eich-Ungarns bereits zu den alten Abnehmern der
isterreichischen Industrie gezählt hatten. Hier begegneten
edoch die Bemühungen Oesterreichs, die alten Handels-
»eziehungen aufrechtzuerhalten, den größten Hinder-
ıssen. Von dem Bestreben erfüllt, ihre neugewonnene
‚olitische Selbständigkeit durch wirtschaftliche Autarkie
‚u befestigen, waren die auf dem Boden der österreichisch-
ıngarischhen Monarchie entstandenen Nachfolgestaaten
nit aller Kraft bemüht, ihren Produktionsapparat durch
lie Errichtung neuer Industrien bzw. durch den Ausbau
‚estehender Unternehmungen auszugestalten. Um ihren
ndustrien eine ‚möglichst ungestörte Entwicklung zu
ichern, umgaben sich diese Staaten mit einem festge-
ügten System von Einfuhrverboten und Schutz-
;öllen, das ein Eindringen der ausländischen Konkur-
'enz nur unter den schwersten Opfern möglich machte.
\uf der anderen Seite hatte der durch den Weltkrieg
‚erursachte Entgüterungsprozeß Oesterreich in einem
Justand nahezu vollkommenen Rohstoff-, vor allem
)rennstoffmangels zurückgelassen. Diese Schwierigkeiten
vurden noch dadurch vermehrt, daß mit dem politischen
Zerfall der Monarchie auch das frühere einheitliche
Nährungsgebiet zerrissen und durch die Maßnahmen
ler einzelnen Staaten der Devisen- und Valutenverkehr
{en größten Einschränkungen unterworfen wurde. Dazu
:amen noch die mannigfaltigen Behinderungen im Reise-
ınd Frachtenverkehr, die einen geregelten Warenaus-
ausch durch lange Zeit nahezu unmöglich machten. Nur
lurch langwierige Verhandlungen, die der österreichischen
/olkswirtschaft oft schwere Opfer kosteten, war es
nöglich, im Austausch gegen österreichische Erzeugnisse
lie notwendigen Rohstoffe und Lebensmittel hereinzu-
bekommen.
Zu dem empfindlichen Mangel an Rohstoffen gesellte
ich noch die drückendste Not an den für den Produktions-
»rozeß unentbehrlichen Brennstoften. Zur Zeit des Be-
:tandes der österreichisch-ungarischen Monarchie hatten
ıuch die im Gebiete des heutigen Oesterreich gelegenen
ndustrieunternehmungen den überwiegenden Teil ihres
Zedarfes an Kohlen aus den böhmischen und mäh-
isch-schlesishen Gruben gedeckt. Durch den wäh-
end des Krieges . betriebenen Raubbau und durch
lie verminderte Arbeitsleistung in den ersten Nachkriegs-
ıhren waren auch die Kohlenbergbaue der übrigen
Jachfolgestaaten in ihrer normalen Produktion stark
ehindert. Naturgemäß waren diese Länder in erster
inie darauf bedacht, ihren eigenen Bedarf an Brenn-