Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

Schnellzugslokomotive der k, k. österr. Staatsbahnen ältester 
Bauart (1883) im Längenschnitt 
Bauart auf. Die älteste aus Amerika eingeführte Loko- 
motive war aber die 1837 von der Wien-Gloggnitzer Fisen- 
bahn angekaufte und nach ihrem Herkunftsort benannte 
„Philadelphia”, von der das Museum ein zeitgenössi- 
sches Bild besitzt. Das Eintreffen dieser amerikanischen 
Lokomotive und ihre Erprobung auf einer provisorischen 
Holzbahn in Neu-Meidling verursachten gewaltiges Auf- 
sehen; noch heute trägt die die Südbahn nahe 
der Station Meidling überspannende Brücke zur FEr- 
’nnerung an dieses Ereignis den Namen „Philadel- 
>hia”. Zahlreich sind die zeitgenössischen Abbhil- 
dungen, die sich auf die Betriebseröffnungen und die 
erste Betriebsperiode dieser historisch ältesten Lokomo- 
tivbahnen beziehen. Ganz einzigartig in ihrer Originalitär 
ist die auf zwei Weltausstellungen preisgekrönte bildliche 
Darstellung der Geschichte der Nordbahn innerhalb ihrer 
ersten fünfzehn Jahre, herausgegeben vom Präses der 
Kaiser Ferdinands Nordbahn und Professor am Wiener 
Polytechnikum Josef Stummer im Jahre 1855. 
Auf acht Tafeln werden der Stand des Anlagekapitals, 
lie jährlichen Baufortschritte, das Anwachsen des Fahr- 
’arkes, die Leistungen und Ergebnisse des Betriebes und 
dergleichen mehr bildlich veranschaulicht. Ein Füllhorn 
mit reichem Goldstrom stellt die Aktienemission dar und 
Gewölk versinnbildlicht die jeweils. günstige oder ge- 
drückte Lage der Unternehmung; die Dividende von 4% 
im Jahre 1848 hat recht bedenkliche Gewitterwolken im 
Hintergrund, als aber die Aktionäre drei Jahre später 
10/;% erhielten, da erstrahlte der Himmel im hellen 
Sonnenglanz. 
Bei den Sammlungen der Nordbahn begegnet man 
zum ersten Male einem großen Namen aus dem 
Reiche der Technik: Karl R. v. Ghega; er wirkte als 
Oberingenieur beim Baue dieser Bahn und ist als 
Arbauer der Semmeringbahn zu europäischer Berühmt- 
heit gelangt. Ghega hat in genialer Linienführung den 
Semmering bezwungen und damit die hohe Schule 
des alpinen FEisenbahnbaues begründet, 
die zum Lehrmeister der ganzen Welt wurde. Der Bau 
der Semmeringbahn war aber auch für die Schöpfung 
der bis dahin noch nicht bestandenen Berglokomo- 
rive von bahnbrechender Bedeutung. Auf Grund der 
Ergebnisse !des denkwürdigen Preisausschreibens, das 
die österreichische Staatsverwaltung auf Vorschlag 
Chegas im Jahre 1850 erlassen hatte, konstruierte 
Wilhelm Freiherr von Engerth die erste prak- 
tisch bewährte Gebirgslokomotive. In einer 
Auslese wertvollster Schaustücke, zum Teil aus dem ehe- 
maligen Semmeringmuseum stammend, wird der Bau 
dieser ältesten Gebirgsbahn Europas veranschaulicht. 
“benso besitzt das Museum historische Zeugen, die an 
das denkwürdige Preisausschreiben und den Bau der 
Tenderlokomotive System Engerth erinnern. 
In kurzen Abständen folgen weitere Alpenbahnen, so 
die Brennerbahn unter. der ruhmvollen, Leitung 
Etzels, der denkwürdige Bau der Arlbergbahn, 
ın der sih Lott ein unvergängliches Denkmal schuf, 
dann das Monumentalwerk der Tauernbahn, mit der 
für immer der Name Wurmb verknüpft bleibt. Alle 
diese gigantischen Schöpfungen, wie auch alle sonstigen 
zroßangelegten österreichischen Eisenbahnbauwerke sind 
n prachtvollen Skizzen, Plänen, Ansichten und Modellen 
veranschaulicht und lassen den Beschauer die unver- 
zleichlichen Errungenschaften der vaterländischenr 
“isenbahntechnik erkennen. ; 
Nicht minder lehr- und abwechslungsreich sind die 
‚ystematischen Darstellungen der einzelnen Zweige des 
Lisenbahnwesens, die, in besonderen Gruppen vorgeführt, 
lie stufenweise Entwicklung in sehr anschaulicher Weise 
zeigen. Diese Sammlungen wurden während des Bestandes 
ler Republik zum Teil vollkommen neu aufge- 
stellt, wozu zahlreiche Neuerwerbungen der 
’etzten Jahre Anlaß gaben. 
Die Abteilung Tunnelbau bietet Gelegenheit, den 
Yerlauf der Tunnelarbeiten von der bergmännischen 
\rbeit an bis zur vollkommenen Ausführung kennen“ 
ıulernen. In einem lehrreichen Modell wird der Arbeits- 
/organg gezeigt, wie er bei dem kunstvollen Bau des 
Tauern-, Karawanken-, Wocheiner- und Bosrucktunnels 
singehalten wurde und auf dem Gebiete des Fisenbahn- 
tunnelbaues als österreichische Methode bekannf 
geworden ist. 
In der Gruppe Brückenbau ist durch Pläne und 
Modelle die Entwicklung der hölzernen, steinernen und 
zisernen FEisenbahnbrücken dargestellt. Historisch inter- 
3ssante Einzelheiten bieten die Modelle der bis zum 
Jahre 1872 bestandenen hölzernen Donaubrücke 
der Kaiser Ferdinands Nordbahn. 
Die Entwicklung des Lokomotivbaues wird durch 
wertvolle historische Originale, dann durch zahlreiche 
Modelle und Abbildungen erläutert. Man sieht, wie sich 
aus den ersten Anfängen immer leistungsfähigere Schöp- 
{ungen der Lokomotivbaukunst entwickelten und erkennt, 
wie Zugkraft, Geschwindigkeit und Brennstoffausnützung 
immer mehr vervollkommnet wurden. Als Originale 
werden neben der auf der Nordbahn vom Jahre 3841 
bis 1872 im Betriebe gestandenen Lokomotive „Ajax 
und der 1848 für die k. k. südliche Staatsbahn erbauten 
„Steinbrück” die aus dem Jahre 1854 stammende Loko- 
motive „Gmunden” vorgeführt, welche in ihrer Achs- 
anordnung für den Bau der späteren Schnellzugs- 
‚okomotiven vorbildlich geworden ist. Die Lokomotive 
‚Ajax” förderte bei einer Leistung von 120 HP 60 Ton- 
1en mit SO Stundenkilometern auf horizontaler Strecke- 
LU
	        
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