Full text: 10 Jahre Wiederaufbau

beispiellosen Not des Staates und der Bevölkerung zwei 
Neuerscheinungen eines scheinbaren Fremdenver- 
kehrs: das internationale Schiebertum und der Ausver- 
kauf des inflatierten Landes. Leicht hätte es geschehen 
können, daß die üblen Erfahrungen, die man an vielen 
Orten mit dieser ruinösen Art des als einzige Rettung 
gepriesenen Fremdenverkehrs machte, seine künftige 
Entwicklung hemmten. 
Die vom Bundeskanzler Dr. Ignaz Seipel im Ok- 
tober 1922 in letzter Stunde erreichte Stabilisierung 
der österreichishen Währung bannte die Gefahr und 
legte erst den sicheren Grund für den Wiederaufbau 
des Fremdenverkehrs. Denn zu diesem bedurfte es 
vor allem der Ausmerzung des ominösen Wortes 
„freibleibend“ aus dem Lexikon des Fremden- 
verkehrs. 
Der österreichische Optimismus — FElektri- 
sierungsprogramm und Wiener Messe. 
Schon vorher allerdings hat Österreich der Welt Be- 
weise für seinen Lebenswillen und seine Unverzagtheit 
geliefert und hat in der harten Schule der Nach- 
kriegsmonate sein Elektrisierungsprogramm aus- 
gearbeitet. Aber nicht nur die junge Republik, auch 
ihre Hauptstadt, das vielfach totgesagte Wien, gab 
eine überraschende Probe von Kraft und Optimismus. 
Eine kleine Schar weitblikender und wagemutiger 
Männer gründete hier unter dem tatkräftigen Schutze 
der Bundesregierung ‚und der Gemeindeverwaltung in 
der Zeit schwerster wirtschaftlicher Depression die 
Wiener Messe. Hiedurch war eine Einrichtung ge- 
schaffen worden, wie sie vordem die: Hauptstadt der 
mächtigen Monarchie nicht besessen hatte. ‚Der erfreu- 
licherweise gleich mit dem ersten Schlag erzielte Erfolg 
war eine wirksame Empfehlung Österreichs im Ausland 
und die großzügig aufgebaute Propaganda, die auch in 
hervorragendem Maße dem Fremdenverkehr zugute kam, 
bewährte sich bestens. 
Mit der fortschreitenden Beruhigung und Festigung 
der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse begann 
sich auch in der Bevölkerung Interesse für die Fremden- 
verkehrsfrage zu regen. Allerdings bedurfte es vorher 
einer gewaltigen Umstellung der Denkungsart, die die 
Not der Kriegs- und Nachkriegsjahre in alle Kreise 
getragen hatte. 
Handelsbilanz —- Zahlungsbilanz — 
Fremdenverkehr. 
Durch die neuen Grenzen hatte Österreich eine wirt- 
schaftliche Struktur erhalten, die von vornherein Anlaß 
zu einer dauernden und sehr erheblichen Passivität 
der Handelsbilanz geben mußte. Gerade die für den 
Massenverbrauch unentbehrlichen Nahrungs- und Genuß- 
mittel, lebende Tiere und mineralische Brennstoffe 
bildeten die Haupteinfuhrposten. Nun ist ja die öster- 
reichishe Zahlungsbilanz wahrscheinlich erheblich 
günstiger als die Handelsbilanz. Immerhin verlangt 
die Fürsorge um die gesicherte künftige Entwicklung der 
Wirtschaft und um die Stärkung der Vertrauenswürdig- 
keit dem Auslande gegenüber weitere Stützungen der 
Zahlungsbilanz, wobei zugleich für die Deckung der aus 
der passiven Handelsbilanz erwachsenden Verpflich- 
ungen vorgesorgt wird. Ein solcher noch sehr steige- 
‘ungsfähiger Aktivposten in der Zahlungsbilanz ist nun 
n einem Lande wie Österreich. zweifellos der Frem- 
lenverkehr, der einem unsichtbaren, und zwar von 
5pesen freien Export gleichzuhalten ist. Mit zu- 
ıehmender Erkenntnis dieser Tatsachen wuchs auch das 
3Zestreben, sich diese Möglichkeit einer Verbesserung 
der Wirtschaftslage zunutze zu machen. Und ohne der 
1ohen Bedeutung der Propaganda auf dem Gebiete 
les Fremdenverkehrs Abbruch tun zu wollen, kann man 
loch heute mit Befriedigung . feststellen, daß die maß- 
zebenden Faktoren sich nicht zuerst um sie, sondern 
ım den Wiederaufbau der im Kriege nahezu ver- 
ischwundenen inneren Organisation kümmerten. 
Der Wiederaufbau der Fremdenverkehrs- 
organisation nach dem Kriege. 
Dem Gedanken der föderalistischen Verfassung der 
ungen Republik entsprach es, daß die Fremdenverkehrs- 
(örderung der Kompetenz der Bundesländer über- 
iassen wurde, was indes nicht hindern sollte, daß auch 
ler Bund in der Folge das größte Interesse an der 
Entwicklung dieses Wirtschaftszweiges nahm und es auch 
verktätig bewies. So war es vornehmlich dem Staatsamt 
ınd späteren Bundesministerium für Verkehrswesen zu 
lanken, daß nicht nur die altbewährten Landesverbände 
‘ür Fremdenverkehr, die durch die Inflation in oft sehr 
schwierige Lagen geraten waren, über die harten Nach- 
sriegsjahre hinübergebracht und ihrer widmungsgemäßen 
zemeinnützigen Tätigkeit wieder zugeführt werden 
connten. Da die Landesverbände für Fremdenverkehr 
lurch ihr früheres jahrzehntelanges Wirken in allen 
Kreisen der Fremdenverkehrsinteressenten verankert 
waren, so bedeutete das Neuaufleben der Verbands- 
‘ätigkeit zugleich auch die Erfassung breiter Schichten 
ler Bevölkerung. Das Bundesministerium für Verkehrs- 
wesen verwendete beispielsweise noch im Jahre 1924 von 
dem ihm für staatliche Fremdenverkehrsförderung zur 
Verfügung gestellten Kredit von 10.200 Schilling nicht 
weniger als 09000 Schilling zur Unterstützung der ge- 
zenannten Verbände. Aber auch eine andere Einrichtung 
war es, die durch die weitgehende Förderung seitens 
des Bundesministeriums für Verkehrswesen für den 
Wiederaufbau des österreichischen Fremdenverkehrs Be- 
deutung erlangen konnte — ‘das Österreichische 
Verkehrsbureau, dem es zunächst gelang, durch 
ange geschäftliche Beziehungen mit den großen Reise- 
yureau-Organisationen des Auslandes sowie ausländischen 
3Zahn- und Schiffahrtsunternehmungen mit einem Schlage 
ür Österreich Hunderte von Vertretungen im 
nternationalen Reiseverkehr zu schaffen. Bei 
lem Mangel von amtlichen direkten Tarifen gelang 
auch nur auf diesem Wege die direkte Abfertigung von 
Aeisenden nach fernen Zielen. So wirkte das Öster- 
'eichische Verkehrsbureau in jener Zeit als erfolgreicher 
schrittmacher für die Entwicklung des heimischen Frem- 
lenverkehrs. 
Ebenso begann man in den Bundesländern die 
Irganisation des Fremdenverkehrs auf neue, den ver- 
inderten Verhältnissen angepaßte Grundlagen zu stellen. 
Jnd da war es insbesondere Tirol, das mit muster- 
zültigen Einrichtungen voranging. Durch das Gesetz vom
	        
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