Die städtischen Kassen waren leer, die großen Monopol-
betriebe am Niederbrechen. Von allen Seiten stürmten
neue und berechtigte Forderungen an die Stadtver-
waltung heran. Ende Mai 1910 gab es in Wien nicht
weniger als 127.556 Arbeitslose. Das soziale Elend
war unbeschreiblich. Es herrschte am Notwendigsten
bitterster Mangel.
Lag also das Wirtschaftsleben fast völlig darnieder, so
stand es auch verzweifelt um die städtischen Einrich-
tungen. Die Humanitätsanstalten, die Schulen, die
Spitäler, kurz alle Gemeindeeinrichtungen hatten durch
den Krieg unsagbar gelitten. Es fehlte überall an den
wichtigsten Bedarfsgegenständen. Die Straßen der
Stadt waren zerstört. Die Angestellten und Arbeiter
der Gemeinde waren schlecht bezahlt und forderten
ungestüm eine Besserstellung ihrer wirtschaftlichen Lage.
Die Ordnung der städtischen Finanzen.
Als die Sozialdemokraten die Wiener Stadtverwal-
jung übernahmen, fanden sie einen Abgang von
40 Millionen Goldkronen und ein Steuersystem vor,
das nahezu ausschließlich aufgebaut war auf die in-
direkte Belastung der breiten Massen. Nahezu 77%
des Personalaufwandes wurden durch die Mietsteuern
gedeckt, die im Jahre 1013, dem letzten Friedensjahr,
rund 50 Millionen Goldkronen einbrachten. Die
großen Monopolbetriebe der Gemeinde erstellten ihre
Tarife so, daß Jahr für Jahr ein gewaltiger Rein-
gewinn in die städtischen Kassen floß. Im Jahre 1913
waren es nicht weniger als 31,207.000 Goldkronen!
Rund 10 Millionen Goldkronen schöpfte die Gemeinde
aus der Verzehrungssteuer.
Diese Form der indirekten Besteuerung hat die
neue Verwaltung beseitigt. Die Verzehrungssteuer ist
ıbgeschafft, die Mietsteuer ist eine Zwecksteuer ge-
worden, deren gesamter Ertrag dem Neubau von
Wohnhäusern dient. Die Monopolbetriebe liefern an
lie Gemeindekasse nichts mehr ab. Ein etwaiger Rein-
gewinn verbleibt beim Betrieb.
Die erforderlichen Einnahmen wurden durch neue,
lirekte Steuern aufgebracht. Da ist vor allem die
Zürsorgeabgabe zu nennen, die in Wien gegenwärtig
4% von der Lohnsumme beträgt (bei Banken 81/4°/),
lie Nahrungs- und Genußmittelabgabe in öffentlichen
";okalen, die besonders ausgestattet sind, und die
T?remdenzimmersteuer. Die Lustbarkeitssteuer wurde
jusgebaut. Hausgehilfen-, Kraftwagen-, Inseraten- und
Wertzuwachssteuer sind neue städtische Abgaben.
Obwohl Mitte 1019 die österreichische Währung noch
ziemlich fest war, hat die Gemeinde ihre Steuern nicht
nehr in Kronenbeträgen, sondern in Prozentsätzen
'estgelegt und die Einzahlungstermine sehr kurz be-
nessen. Dadurch wurde der später immer rapider
einsetzenden Entwertung der Krone begegnet.
Als sich die finanziellen Verhältnisse der Stadt-
verwaltung halbwegs konsolidiert hatten, setzte die
furchtbare Inflation ein, die abermals eine Zeit der
steten Schwankungen im Gemeindebudget herbeiführte
and die Durchführung eines großen Wiederaufbau-
programmes verhinderte.
Nichtsdestoweniger hat die Finanzpolitik der Ge-
meinde auch in der Periode der Inflation alle Schwierig-
keiten überwunden und verzeichnete Wien selbst im
Jahre 1022 eine aktive Gebarung.
Das Finanzverfassungs- und Abgabenteilungsgesetz
vom Jahre 1922 nahm dann der Gemeinde das Um-
agenrecht und eine Reihe von anderen erheblichen
Finnahmen. Als Frsatz bekam die Gemeinde die Ah-
Siedlung Lainz. Hermeswiese
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