Full text: Urzeit und Mittelalter (Abt. 1)

370 Siebentes Buch. Drittes Kapitel. 
Wogen persönlicher Schicksale an den Strand beschaulichen 
Lebens geschleudert worden waren: nun dienten sie dem Kloster 
in schlechtem Rock und struppigen Bartes als Holzhauer und 
Stallknechte, als Bäcker und Hirten. Diese Einrichtung nahmen 
die Hirsauer nicht bloß auf, sondern erweiterten sie noch um 
eine zweite Klasse solcher Laienbrüder, die frei von jeder Ordens— 
tracht außerhalb des Klosters wohnten. Mit diesen Brüder⸗ 
schaften erfüllten sie die Umgegend ihrer Klöster, und namentlich 
in Schwaben führte der dem Stamm angeborene Hang zur 
geistlichen Absonderung von der Gemeine eine große Blüte dieser 
Konventikel herauf; in ihnen verbreitete sich der Gregorianismus 
in die weitesten Kreise: kein Stamm war päpstlicher, als der 
schwäbische. Und auch der Adel in vielen Zweigen ward er— 
griffen: fast jedes große schwäbische Geschlecht hat ein gregori⸗ 
anisches Kloster gegründet. Über Schwaben hinaus aber fand 
Wilhelm geistige Stützen an den Passauer, Salzburger, Würz⸗ 
burger Bischöfen; mit ihm verbanden sich die Schicksale einer 
Anzahl neuer Heiligen, z. B. Ulrichs von Zell, wie die Erleb— 
nisse Dietgers von Metz und Erminolds Kämpfe um Lorsch 
und Prüfening. 
Ganz andre Wendungen hatte inzwischen das religiöse Leben 
der romanischen Nationen genommen. Während Deutschland 
unter den furchtbaren politischen Fieberschauern litt, in denen 
sich der Kampf zwischen Regnum und Sacerdotium abspielte, 
hatten die hierarchischen Übertreibungen Gregors VII. in Frank— 
reich bei einer Minderzahl kluger Köpfe eine gewisse Er⸗ 
nüchterung bewirkt. Unter diesem Eindrucke verlor das wissen⸗ 
schaftliche Denken zum erstenmal wenigstens teilweis seine bis⸗ 
herigen religiösen Voraussetzungen. Eine dialektische Exegese 
und eine Philosophie bisher unbekannter Art unternahm es, 
Dogma und Kirche vernunftgemäß begreifen zu wollen; die 
Schulen von Tours, Bec und Laon, von Orleans und teil—⸗ 
weise Paris neigten dem zu; begeisternde Lehrer wirkten hier, 
ein Anselm, Rudolf, Roscellin, vor allem Roscellins Schüler 
Abälard. 
Abälard begann im Jahre 1115 auf dem Berge der heiligen
	        
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