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der Landrat dringend auf das Verbot vom Jahre 1849 hinwies 1 ).
Selbst wenn zur Zeit Le Play’s solche Zustände nicht mehr existiert
hätten, so wäre es doch unumgänglich nötig gewesen, auf diesen
Krebsschaden der Vergangenheit hinzuweisen. Es findet sich aber
nicht einmal eine Andeutung davon bei Le Play. Wohl werden
einige Schäden oberflächlich erwähnt, so z. B. stellt er es als eine
Solinger Gewohnheit hin, keine Ersparnisse zu machen, wobei er
aber nicht untersucht, woran das liegt. Gewiß erschwerten die ge
schilderten Verhältnisse das Sparen; doch blieb es das Ziel des
Solinger Arbeiters, ein kleines Häuschen mit etwas Land als Eigen
tum zu haben. Auch der beschriebene Aufschläger, der zu Le Play’s
Zeit zur Miete wohnte, hat später ein eigenes Haus erworben, als
ihm die Verhältnisse zu sparen gestatteten. Der frühere Fabrikant W.
erzählte dem Verfasser, daß die Arbeiter ihr Geld zinslos beim
Arbeitgeber stehen ließen, weil sie es dort gut aufgehoben glaubten
und sich nur so viel holten, wie sie nötig hatten. Solche Guthaben
erreichten manchmal die Höhe von 10000 M. Es ist also auch nicht
richtig, von einem gewohnheitsmäßigen Nichtsparen zu sprechen.
Wenn Le Play es so darstellt, als ob die ungünstigen Kon
junkturen durch die Fürsorge der „Fabrikanten“ ziemlich unschäd
lich gemacht worden wären, so entspricht auch das nicht ganz den
tatsächlichen Verhältnissen. In nennenswertem Umfange ist wohl
früher nie auf Lager gearbeitet worden, besonders nicht in der
Waffenfabrikation, wo selbst heute nur bestellte Ware hergestellt
wird, weil der Fabrikant bei der Verschiedenartigkeit der Modelle nie
weiß, ob er später seine Ware noch los wird. So ist also die Waffen
fabrikation heute noch bedeutend größeren Schwankungen ausgesetzt
als die Messer- und Scherenfabrikation, die um die Mitte des vorigen
Jahrhunderts auch ganz von den jeweiligen Aufträgen abhängig
war. Es gab kaum ein Mittel, die Konjunktur-Schwankungen aus
zugleichen. So schreibt die Handelskammer im Jahre 1846:
Es ist ein wahrhaft herzzerreißender Anblick, bei der jetzigen Teuerung
täglich eine Menge sonst fleißiger Arbeiter, denen man teils schon den Hunger
und den Kummer auf dem Gesicht ansieht, von einem Fabrikanten zum anderen
wandern zu sehen, die unter dem Anerbieten, sich alles gefallen lassen zu
wollen, um Arbeit gleichsam betteln, ohne daß ein Fabrikant auch beim besten
Willen ihren Ansprüchen willfahren kann 2 ).
J ) Solinger Kreis- und Intelligenzblatt, Jahrg. 1851, Nr. 28.
2 ) Braunschweig 1. c. S. 17.