Full text : Gesellschaftslehre

Stände, Klassen und politische Parteien.

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„realen“, d. h. gesellschaftlichen Verhältnissen hinzuweisen. Gedacht
ist dabei an ältere Verhältnisse, in denen das Grundsägliche deutlicher
zutage tritt. Diekonservative Partei vertritt, kann man sagen,
das Prinzip der herrschaftlichen Gemeinschaft im öffentlichen Leben: sie
fordert eine herrschaftliche Organisation, bei der aber die Gemeinschaft
des ganzen Volkes zur Geltung kommen soll. Ihr Programm ist ursprünglich
 bekanntlich nicht allein abwehrend, sondern auch positiv. Sie
fordert insbesondere patriarchalische Fürsorge im Gebiet der Sozialpolitik.
 So schimmert in ihrem ganzen Programm der Zusammenhang
mit der Feudalkultur durch, in der ihre Angehörigen wurzeln.
Der Liberalismus ist die Partei des Bürgertums und ebenso
heterogen in seiner Zusammensegung und seinen Tendenzen wie dieses
selbst. Wir können auch bei ihm zwischen einer Gruppe des Beamtentums
 sowie der. geistigen Berufe und einer Gruppe der erwerbstätigen
Kreise unterscheiden. Der bekannte Individualismus dieser Partei besit
 in beiden Gruppen durchaus verschiedene Färbung: in der ersten
ist er von dem Prinzip der Autonomie beherrscht, in der legteren bedeutet
 er ein Verlangen nach möglichstem Spielraum für Ellbogenfreiheit.
Der autonome Mensch ist in seiner Art ebenfalls von einer Gemeinschaftsgesinnung
 erfüllt — nur daß diese sich auf unpersönliche oder übermenschliche
 Gebilde wie Kunst oder Wissenschaft, Gott oder ein Lebensideal
 bezieht; der wirtschaftliche Individualismus dagegen bedeutet ausgesprochenen
 Egoismus, den Anspruch und das Verlangen, sich auf reine
Gesellschaftsverhältnisse, teils Vertrags-, teils sogar Kampf- und Machtverhältnisse
 im Verkehr mit anderen zu beschränken. Diesem Gegensatz
entspricht auch ein solcher zweier verschiedener Freiheitsbegriffe, die
unter dem gleichen Namen vom Liberalismus vertreten werden: einerseits
 ein negativer Freiheitsbegriff, der das Verlangen nach Unabhängigkeit
 von gewissen namentlich politischen und zum Teil auch moralischen
Bindungen fordert und jedem das Recht zugestehen will, sein Leben nach
eigenem Ermessen zu gestalten und seine Ellbogen zu gebrauchen; anderseits
 ein positiver Freiheitsbegriff, der Spielraum für die Entfaltung
und Vollendung der Persönlichkeit fordert. Der eine ist der Freiheitsbegriff
 des Manchestertums, der andere durch Männer wie Wilhelm von
Humboldt und Stuart Mill vertreten; der eine gehört dem politisch-wirtschaftlichen,
 der andere dem geistigen Interessengebiet an.
Die Sozialdemokratie will im Prinzip die Gemeinschaft (genauer
 gesagt die genossenschaftliche Gemeinschaft) zur Grundlage des
öffentlichen Lebens machen, entsprechend der ausgeprägten Herrschaft
des Gemeinschaftsverhältnisses im vierten Stande. Näher betrachtet ergibt
 sich jedoch ein klaffender Widerspruch zwischen diesen Zielen und
            
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