Full text: Rationalisierung als Kulturfaktor

— 4 
mechanischer Handgriffe unter hygienisch oder ästhetisch widrigen 
Arbeitsbedingungen“ sagt er, „ist das Gegenteil von dem, was der 
lebendige Mensch zur Betätigung seiner Gesamtpersönlichkeit be⸗ 
durfte, und damit wurde es zur furchtbaren Gewißheit, daß die tech⸗ 
nische Arbeit im Rahmen der Wirtschaft ihre ethisch und ästhetisch 
segensreichen Wirkungen eingebüßt, daß die Arbeit des Proletariers 
für ihn aufgehört hatte, das Heiligste und Kostbarste zu sein, was ein 
Mensch auf Erden besitzen kann. Ich möchte es als das gewaltigste 
und folgenreichste Ergebnis aller Wirkungen der kapitalistischen Ent⸗ 
wicklung auf die Arbeiterschaft bezeichnen, daß sie dieser die Arbeit 
als höchstes Gut genommen hat.“ 
Weniger beachtet von der kulturpolitischen Literatur des 19. Jahr⸗ 
hunderts ist jener Prozeß der Arbeitsteilung, den man als „Trennung 
des Arbeiters von seinem Produktionsmittel“ bezeichnet hat. Die 
kapitalistische Differenzierung hat die Funktionen, die Arbeitsmittel 
zu erwerben, sie anzuordnen und zu zerteilen, von den Funktionen, 
sie zu gebrauchen, völlig gelöst. Arbeitsmittel und Arbeitsanordnung 
sind zu objektiven Arbeitsbedingungen geworden, deren versachlichten 
Charakter der Arbeiter in dem Maße empfindet, als der Gegenstand 
seiner Arbeit die freie Verfügungsgewalt über die Arbeitsmittel 
erheischt. Am intensivsten wird die Trennung des Arbeiters von 
seinen Produktionsmitteln darum wiederum in den Bezirken der 
kulturellen Werkgestaltung fühlbar, in denen Arbeit und Materie am 
stärksten zur restlosen Vereinigung drängen, vor allem in der Kunst 
und in der Wissenschaft. Das Wesen des Kunstwerkes ist Unteilbarkeit, 
Vollkommenheit und Ganzheit. Es verliert bei seiner Auflösung in 
einzelne Teile in dem Maße an Wert, als es vorher in sich selbst ge⸗ 
schlossen, als es vollendet war. Das Kunstwerk hebt die Vielgestaltig⸗ 
keit und Vielbedeutung der Farben und Töne, der Formen und Werte 
auf, es vernichtet sie in ihrem Eigenwert und läßt sie nur gelten in 
ihrer Beziehung zu seiner eigenen Totalität. Insoweit gleicht es dem 
absolutistischen Staate, der seine Glieder nur mehr als „Werkzeuge 
II. Rationalisierung und Ethik
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.