Full text : Rationalisierung als Kulturfaktor

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B. Betrachtungen

Als letztes Beispiel für die fortschreitende Entpersönlichung der
modernen Kultur durch Arbeitsteilung und Mechanisierung sei noch
das Mode⸗Problem erwähnt. Je kürzer die Mode dauert, desto
schwieriger wird naturgemäß jener „innere Enteignungs- und Ent⸗
wurzelungsprozeß zwischen Subjekt und Objekt sein, der es zur Dis⸗
krepanz beider kommen läßt“x). Die Schnelligkeit des Wechsels be⸗
dingt und verursacht jene Selbstgenügsamkeit der Formen, zu der der
einzelne keine innere Verbindung mehr unterhält. Die kulturelle
Folge dieser Entwicklung zeigt sich in der vielfach heillosen Geschmack⸗
losigkeit unserer Kleidungskultur, in der mangelnden Übereinstim⸗
mung zwischen dem Traͤger oder der Trägerin modischer Neuerungen
und dem Bekleidungsstück selbst. Dem Terror der „objektivierten
nouveautées“ des Modenwechsels vermag nur der kraäftig Begüterte
zu entgehen, weil nur er sich den Luxus individneller Kleidung ge⸗
statten kann. Daß die breiten Massen die Kulturwidrigkeit dieser Sach⸗
lage als solche vielfach noch nicht empfunden und dagegen demon⸗
striert haben, zeigt wie stark und vorerst unüberbrückbar die Trennung
zwischen subjektivem Kulturbedürfnis und objektiver Kultur tatsächlich
geworden ist.

Von groͤßter arbeitspolitischer und kulturpolitischer Bedeutung ist
nun die Frage, ob diese Polarität der Subiekt⸗Objekt⸗Kultur durch
die zunehmende Mechanisierung und Automatisierung des Arbeits⸗
—
inhalt und Kulturbewußtsein sind leider noch immer nicht systematisch
untersucht worden. Immerhin laͤßt sich an Hand autobiographischer
Bekenntnisse aus Arbeiterkreisen, Enqueten einzelner Forscher,
Arbeitspsychologen, Sozialpolitiker und Nationaloökonomen, sowie auf
Grund eigener Beobachtungen einiges hierüber sagen.
x) Georg Simmel, „Philosophie des Geldes“, S. 521.
            
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