II. Rationalisierung und Ethik 168
neugeschaffene Moͤglichkeit für den modernen Industriearbeiter, sich
ohne Schwierigkeiten zu „veraͤndern“, seine Stelle, falls ihm die Arbeit
nicht behagt, beliebig zu wechseln. Der Arbeiter ist heute infolge der
fortgeschrittenen Arbeitszerlegung und Mechanisierung viel weniger
als ehedem an bestimmte Betriebe und Branchen gebunden. Das be⸗
deutet nicht nur wirtschaftlich⸗sozial einen gewissen Vorzug — dem
allerdings die ebenso leichte Ersetzbarkeit, also Entlaßbarkeit, gegen⸗
uͤbersteht —, sondern neben der Minderung der Betriebsgebundenheit
und Abhängigkeit vom Arbeitgeber auch eine erhöhte Möglichkeit,
„die Welt in breiteren Ausschnitten kennen zu lernen, sich geistig regsam
zu halten und Erwerbschancen zu finden, die ihm bei enger Ver⸗
flochtenheit seiner Arbeit mit wenigen Fachbetrieben sich kaum er⸗
schließen würden“. (Waldemar Zimmermann, Reichsarbeitsblatt 1926,
Nr. 44, S. 7858.)
In dieser Befreiung von handwerklichen Bindungen kommt die
Rationalisierung nun wiederum der leitenden Grundidee unserer
Epoche, entgegen: dem Willen zum Leben um jeden Preis. Das
Leben, „als die alleinige Bestimmung seiner selbst, als die alleinige
Substanz aller seiner Inhalte“ (Simmel, Der Konflikt der
modernen Kultur, S. 15), sucht seinen Zweck im Leben selbst,
in der „Steigerung, im Mehrwerden, in der Entwicklung zu Fülle
und Macht, zu Kraft und Schönheit aus sich selbst heraus, nicht
an einem angeblichen Ziele, sondern an der Entwiclung seiner
selbst, dadurch, daß es mehr Leben wird“. Hieraus erklaͤrt sich zweifel⸗
los die moderne Gegnerschaft gegen das Prinzip der Form, gegen
jedwede Endguültigkeit und Bindung in allen Lebensgebieten. Wahrend
in der griechischen Klassik die Idee des Seins, des Maßes, der Vernunft,
der „Ratio“ den natürlichen und gottgewollten Zentralbegriff bildete,
dem der einzelne sich anzupassen und einzufügen hatte, während im
Mittelalter das gesamte Leben vom Gottesbegriff her und nur von
ihm Bedeutung, Weihe und Zielsetzung erhielt, während die Renais⸗
sance die „Natur“ als tragenden Leitgedanken setzt, kennt das 19. Jahr⸗