Wollten die Gewerkschaften als Sachwalter der Arbeitskraft bei
diesen Auseinandersetzungen ein beachtliches Wort aus eigener Er-
fahrung mitsprechen, so mussten sie selbst Vertreter nach Amerika
schicken. Dies schien um so gebotener, als sie ihr Anrecht auf Be-
teiligung an der Führung der Wirtschaft erst auf dem zwölften Ge-
werkschaftskongress zu Breslau eindringlicher denn je geltend
gemacht hatten. Die Nützlichkeit des Studiums des wirtschaftlichen
und sozialen Lebens der Gegenwart in Amerika durch eigene Ver-
treter stand somit für die Gewerkschaftsbewegung ausser Zweifel.
Aber auch noch aus anderen, nicht minder wichtigen Gründen er-
schien die Reise von Gewerkschaftsvertretern nach den Vereinigten
Staaten nützlich und notwendig. Wohl waren im allgemeinen die
amerikanische Gewerkschaftsbewegung, ihr Umfang und ihre
Gliederung bekannt. Weniger bekannt aber waren die vielen
wissenswerten Finzelheiten über ihren Charakter, ihre Bestrebungen
auf weite Sicht, ihre Taktik, Arbeits- und Kampfmethoden und vor
allem über ihre Stellung zu den grossen Problemen, die sich aus der
hochkapitalistischen Wirtschaftsentwicklung Amerikas für sie er-
geben. Wie findet sich der Arbeiter mit der Arbeit am „laufenden
Band“ ab? Wie beeinflusst die neue Arbeitsweise Geist und Körper
des Arbeiters? Wie ist der Stand der Arbeitszeit, das Verhältnis
von Reallohn und Warenpreisen, das Wohnungswesen, kurz,
die ganze Lebenslage der amerikanischen Arbeiterschaft? Das
alles musste einmal durch Untersuchungen und eigene Anschauungen
von Gewerkschaftsvertretern klargestellt werden. Gleichzeitig
galt es, dem in Atlantic-City tagenden amerikanischen Gewerk-
schaftskongress einen Besuch abzustatten, um auch hier zu studieren
und darüber hinaus Bande der Freundschaft, die der Krieg zer-
rissen hatte, zu erneuern und zu befestigen.
So entschlossen sich der Bundesvorstand des Allgemeinen Deut-
schen Gewerkschaftsbundes, eine Anzahl Gewerkschaften und die
Arbeiterbank zur Entsendung von Vertretern nach Amerika. An
der Studienreise waren beteiligt: M. Pletfl, Vorsitzender des Be-
kleidungsarbeiter-Verbandes; F. Husemann, Vorsitzender des
Bergarbeiter-Verbandes, in seiner Begleitung als Wirtschaftssach-
verständiger und Dolmetscher Dr. E. Berger, Volkswirt und An-
gestellter des Bergarbeiter-Verbandes; F.Schefiel, Vorsitzender
des Finheitsverbandes der Eisenbahner, in seiner Begleitung
F. Jochade, Mitglied des Generalrats der Internationalen Transport-
arbeiter-Föderation; F.Müntner, Vorsitzender des Verbandes der
Gemeinde- und Staatsarbeiter; F. Tarnow, Vorsitzender des Holz-
arbeiter-Verbandes, in seiner Begleitung als Dolmetscher F.Wendel,
Sekretär des Holzarbeiter-Verbandes; E. Backert, Vorsitzender des
Verbandes der Lebensmittel- und Getränkearbeiter; 0. Schumann,
Vorsitzender des Verkehrsbundes, in seiner Begleitung als Wirt-
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