Full text: Das Hotel- und Gastgewerbe

DER RUHETAG DER FRAUEN 
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ein Wohlgefallen sein konnte. Aber auch unser getreues Haus- 
mädchen, das vom ersten Ehejahre an mit uns Leid und Freud 
geteilt hat, hatte einen freieren Tag in der Woche. 
Als Folge dieser praktischen Wirtschaftseinteilung habe ich 
niemals das Bedürfnis nach dem Frühschoppen empfunden, 
denn das auswärts eingenommene Mittagsmahl ersetzte ihn mir 
„voll und ganz“, wie es in manchen Reden in doppelter Stärke 
zu heißen pflegt, ohne daß ich „voll“ wurde, was bei manchen 
Frühschoppen vorkommen soll. Das Schönste war aber, daß wir 
an Sonn- und Feiertagen ein ausgezeichnetes, mehrgängiges 
Mittagsmahl mit einem leckeren und meistens aparten Nach- 
tisch erhielten, das den weiteren Vorzug hatte, verhältnismäßig 
billig zu sein. Wir haben oft ausgerechnet, daß es ganz un- 
möglich sei, ein auch nur annähernd ähnliches und gleich- 
wertiges Essen zu solchem Preise im eigenen Haushalt herzu- 
stellen. Ist das vielleicht kein herzerfreuender Vorteil, wert von 
Millionen Ehepaaren ausgenützt zu werden? 
„Zur Sache!‘“, höre ich den Leser murmeln, der im Zeitalter 
des immer stürmischer sich gebärdenden Parlamentarismus 
selbstverständlich parlamentarisch bestens geschult ist. Ich bin 
leider oder Gott sei Dank noch von der alten Schule. Parlamen- 
tarismus ist das einzige Mus, das ich nicht mag. * 
Verehrter Leser, der du Besitzer eines Hotel-Restaurants 
bist und dem die +++ Steuerbehörde das Rechnen aus dem FF 
beigebracht hat, rechne dir einmal aus, wieviele angenehme 
und unverwöhnte Gäste — junge Ehemänner sind immer unver- 
wöhnt — du an Sonn- und Feiertagen mittags und abends 
mehr haben könntest, wenn es gelänge, die jungen und alten 
Ehemänner der Stadt so zu erziehen, wie ich mich selbst er- 
zogen habe. Rechne dir aus, wieviel Steuern du mehr bezahlen 
könntest, wenn die also gut erzogenen Ehemänner mit ihren 
Frauen regelmäßig bei dir zum Speisen erscheinen. Eine Er- 
Scheinung, die auch den ängstlichsten Gespensterfürchtling 
Nicht schrecken würde. 
Doch nun zur Pointe, wie man auf Deutsch zu sagen pflegt. 
Nütze mein Geschichtchen zu deinem Vorteil aus, verehrter 
Leser. Stecke dich hinter die Frauen. Hetze sie auf. Predige 
ihnen den Sonn- und Feiertag-Kochstreik. Sage ihnen, sie 
Möchten sich auf ihre Frauenwürde und darauf besinnen, daß 
sie Zeitgenossinnen eines sozialen Zeitalters sind. Male den 
Frauen in verlockenden Farben aus, wie trefflich ihre Frauen-
	        
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