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nicht an der Wurzel treffen, Sie könnte sich jg nur auf die viel
weniger von den Geschlechtskrankheiten heimgesuchten öffentlichen
Mädchen erstrecken. Aber selbst in dieser Begrenzung nur auf die
öffentlichen Prostituierten läßt sie sich nicht einmal durchführen; denn
nur ein kleiner Bruchteil der Prostituierten ist durch die sanitäts
polizeiliche Kontrolle zu erfassen, und mit der heutigen Handhabung
der Kontrolle sind so viele Mißstände verknüpft, daß sie eher zur
Verbreitung als zur Einschränkung der Geschlechtskrankheiten führen
würde.
Die heutige sittenpolizeiliche Kontrolle erstreckt sich nur auf
einen verschwindend geringen Prozentsatz aller käuflichen Frauen,
und zwar nicht einmal auf die gefährlichsten Frauen; denn die
älteren eingeschriebenen Prostituierten sind schon gegen syphilitische
Neuerkrankungen immun geworden. Während die käuflichen
Mädchen Berlins eine Prostitutionsarmee von 20 000 bis 50 000
Personen bilden sollen, standen im Jahre 1900 durchschnittlich nur
4147 Dirnen unter sittenpolizeilicher Aufsicht. Die Handhabung
der sittenpolizeilichen Kontrolle führt geradezu zu einer systematischen
Verheimlichung der Geschlechtskrankheiten, zu einer förmlichen Flucht
der erkrankten Mädchen und Frauen vor dieser Kontrolle. Von
den Frankfurter Prostituierten sind nach den Aerzten Grandhomme
und Grünwald stets große Prozentsätze von Frankfurt a. M. auf
Reisen abwesend, entziehen sich der Kontrolle oder bevölkern die
Krankenhäuser und die Gefängnisse. „Im ganzen sind schätzungs
weise 30 bis 50 Proz., vielleicht öfter noch mehr, nicht hier." Von
288 Kontrolldirnen Frankfurts wurden 267 oder 92,6 Proz. der
selben wegen Kontrollübertretung bestraft. (Festschrift zum I. Kon
greß der „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechts
krankheiten": Geschlechtskrankheiten und Prostitution in Frankfurt
am Main 1903.)
Die Kontrollübertretung ist das typische Vergehen der Prosti
tuierten. Sie erkrankt, sie denkt an die harte Behandlung, die sie,
die verachtete „Dirne", so häufig in den öffentlichen Krankenhäusern
erfährt, und sie entweicht der Kontrolle. Schon die Geschlechtskranken
werden meist in den Krankenhäusern als minderwertige Patienten
betrachtet. Und nun erst die „Straßenmädchen"! In den Kranken
häusern werden sie oft mit sehr rauhen Händen angepackt. Der
frühere erste Hülssarzt der Frauenkrankenstation im Berliner städti
schen Obdach, Herr Dr. Wilhelm Hammer, äußert sich einmal nicht
ohne eine wohl begreifliche innere Entrüstung über die Kranken
hausbehandlung der Prostituierten: „Sie muß sich eine Kranken
hausbehandlung gefallen lassen, wenn sie auch nur die geringste ver
dächtige Stelle an ihrem Körper hat. Die Behandlung ist eine
Zwangsbehandlung. Mädchen, die sich nicht fügen, werden fest
geschnallt. Ob sich ein Mädchen die Quecksilberschmierkur gefallen
lassen will oder nicht, wird nicht in Erwägung gezogen. Ob die
Mädchen mit dem Glüheisen gebrannt, mit Messern geschnitten,