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Dritter Teil.
stellen kämen als Heiratsvermittler in Betracht. Wenn ihr Zweck
auch in der Hervorbringung eines gesunden Nachwuchses, in
der Verhütung der Geburt erblich schwer belasteter sowie solcher
Kinder, die zwar gesund geboren werden könnten, indes infolge
großer Geschwisterzahl bei elenden wirtschaftlichen Verhält-
nissen mit größter Wahrscheinlichkeit verkümmern würden, be-
steht, d. h. nicht nur die Verhältnisse in der Ehe, sondern auch
deren etwaige Ergebnisse in den Bereich ihrer Sorgen ziehen
will, so ist diese Eheberatung doch trotz ihrer vorzüglichen
leitenden Gesichtspunkte ob des notwendigerweise in ihr stecken-
den Einschlags ökonomischer Orientierung nicht ganz von Be-
denken freizusprechen165, Als Kuriosum möge hier noch be-
merkt werden, daß selbst durch den Besuch der Pariser Maisons
d’llusion, Häuser, in denen geldbedürftige Mädchen aus den
mittleren und oberen Schichten unter dem Vorwande des after-
noon teas und gesellschaftlicher Veranstaltungen sich gegen
Geld prostituieren, nicht selten Ehen vermittelt werden1%6, Es
führen wirklich viele Wege nach Rom!
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Ferner können aber, auch wenn die Voraussetzungen der
Ehe an sich sittlich unanfechtbar sind, Laster und schlechte
Gewohnheiten gerade auch der ehelichen Kindererzeugung den
Stempel der Unsittlichkeit aufdrücken. Es genügt, an die
165 Die Abwegigkeit der bloßen Eheberatungsstelle hat die
Berliner Zeitung (vom 9. Juni 1926) durch eine sehr witzige Kari-
katur mit Text angedeutet. Eine Frau mit einem elenden Säugling im
Kinderwagen und ein oder zwei nebenhertrippelnden rachitischen Geschöpf-
chen wird auf der Straße von einem Bekannten angesprochen: „Wo jehn
Se ’n hin mit Ihre Kinderchens?“ „Bei de Eheberatungsstelle, Frau Krüger,
fragen, ob wa unsen Pappa soll’n heiraten.“ (Hilde Grünbaum-
Sachs, Das Sexualproblem der Bevölkerungspolitik, in der Zeitschrift für
Sexualwissenschaft, XIII. Jahrg. (1926), 7. Heft, S. 230.)
166 Maurice Talmeyr, La Fin d’une Soci6te, Paris 1906, Juven,
D. 201.