Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

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Dritter Teil, 
Jedoch ist auch diese Begriffsdefinition längst als ungenügend 
erkannt worden. Einmal, weil es, wie bemerkt, auch eine käuf- 
liche‘ Liebe in legaler Form gibt: Kaufehen. Dann auch, weil 
die außerehelich käufliche Liebe dem Grade ihrer Dauer und 
der Zahl ihrer Käufer entsprechend die denkbar größte 
Differenziation zuläßt und vom schnellen fünf-— oder zehn- 
minutigen Wechsel aufeinanderfolgender Geschlechtsakte etwa 
im Bordell bis‘ zur monogamischen Form des Dauerverhältnisses 
reicht. Die femme entretenue lebt sicher von bezahlter Liebe, 
kann aber dabei prinzipiell streng monogamisch leben. 
Man müßte dem Begriff der Prostitution deshalb außer dem 
Charakter der Käuflichkeit noch den der theoretischen oder 
doch prinzipiellen Uneingeschränktheit und tatsächlichen Viel- 
heit der. Benützung verleihen. Wobei wiederum neue Fragen 
und Hindernisse entstehen. Denn, erstens liegt in der Regel 
auch bei den meisten Dirnen keine absolute Unmöglichkeit oder 
Unfähigkeit. des Sich-Versagens ihnen aus irgendwelchem. 
Grunde unsympathischen Männern gegenüber vor. Und 
zweitens klafft zwischen dem Begriff der Einheit und der Viel- 
heit wieder eine Lücke. Sind, in weiterer Zeitspanne gemessen, 
im Lebensinteresse der Frauenwelt. Denn das Sittenverbot erklärt sich sehr 
wohl mit Schopenhauer aus einer Pression, welche die Keuschheit auf den 
Mann ausübt, die Versorgung der Frau durch die Ehe-Kapitulation‘ vor- 
zunehmen. Die weibliche Unzucht vor der Ehe wird mithin zur Durch- 
brechung der Solidarität, zur „Schande“, die mit geschlechtlichem Boykott 
beantwortet werden muß, (Artur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebens- 
weisheit, Leipzig, Bibl. Institut, S. 76/77.) Bemerkenswert ist, daß die 
Kritiker der Ehe als eines überwiegend finanziellen Unternehmens die Pro- 
stitnierten als unlautere Konkurrenten und blacklegs (Streikbrecherinnen) 
betrachten, weil sie die laufenden Marktpreise unterböten. (Ernest Bel- 
fort Bax, Outspoken Essays on Social Subjects, London 1897, p. 6.) 
Darauf ist freilich zu erwidern, daß der den Prostituierten gezahlte Preis 
anbetrachts der sehr geringen Mühewaltung doch ein recht hoher ist, so 
daß von einem Unterbieten der Ehepreise nur unter bestimmten Vor- 
aussetzungen die Rede sein kann. (Vgl. Havelock Ellis, Studies in the 
Psychology of Sex, Philadelphia 19713, Davis, vol. VI, p. 363.)
	        
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